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Lauterbach über Schicksalsschlag: „Unvorstellbares Drama“ leitete große Wende ein

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Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, aufgenommen in seinem Büro im temporären Bau des Gesundheitsministeriums in der Mohrenstraße, kurz vor seiner Teilnahme an der Videokonferenz des Expertenrat der Bundesregierung zur Corona Pandemie.
Gesundheitsminister Lauterbach erinnert sich in seinem neuen Buch an seine Kindheit. Mit nur 13 Jahren erhielt der heutige Gesundheitsminister eine schlimme Diagnose. © picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Karl Lauterbach ist Politiker, Mediziner und Forscher. In seinem neuen Buch erinnert sich der Gesundheitsminister an einen schlimmen Schicksalsschlag.

Köln - Er ist ein Mensch, zu dem wohl jeder Deutsche eine Meinung hat: Karl Lauterbach. Der SPD-Politiker ist seit dem 8. Dezember 2021 Bundesminister für Gesundheit und damit verantwortlich für jegliche Ge- und Verbote rund um das Pandemiegeschehen. Die Menschen in Deutschland haben gegensätzliche Auffassungen von dem 59-Jährigen. Es ist ein ständiges Schwanken zwischen Akzeptieren und Ablehnen dessen, was er als Minister beschließt. In seinem Buch mit dem Titel „Bevor es zu spät ist“ erzählt Lauterbach darüber, warum er Mediziner, Politiker und Forscher werden wollte.

Karl Lauterbach (SPD): Neues Buch erscheint im Handel

Das Buch, das am 28. Februar 2022 erscheint, trägt den Beisatz „Was uns droht, wenn die Politik nicht mit der Wissenschaft Schritt hält“. Die darin enthaltende Forderung ist unmissverständlich: Die Politik muss sich mehr und mehr mit der Forschung vereinen. Ansonsten wird die Menschheit, so Karl Lauterbach, die Macht und Kontrolle über die Zukunft aus der Hand geben. Als Wissenschaftler und Politiker ist Lauterbach geradezu prädestiniert, die Frage zu beantworten, warum die aktuelle Politik ohne Wissenschaft nicht mehr weitermachen kann.

Lauterbach über seine Kindheit: Er hatte „einfach zu oft Bronchitis“

Karl Lauterbach spricht in seinem Buch, aus dem die Bild vorab einen Auszug veröffentlichte, nicht nur über Klimaprobleme und Massensterben, er teilt auch Memoiren aus seiner Kindheit. Der heutige Minister und Mediziner startete seine Karriere in der Hauptschule. Obwohl er als guter Schüler galt, rieten die Lehrer vom Besuch des örtlichen Gymnasiums ab. Dieses sei, so schreibt er, nur für die Ingenieurskinder reserviert gewesen. Sein Vater arbeitete in einer Molkerei, als Arbeiterkind hatte er somit keine Chance. Diese Erkenntnis erlangte er allerdings erst später, die Lehrer nannten nämlich einen anderen Grund. Er hätte „einfach zu oft Bronchitis“, erinnert sich Lauterbach.

Gesundheitsminister Lauterbach spricht über „Ungerechtigkeit des Bildungssystems“

Auf der Hauptschule langweilte er sich, sodass sich die Lehrer für ihn einsetzten. Lauterbach kam auf eine Realschule, dann auf das Gymnasium. „Verglichen mit dieser Hürde nach der Grundschule waren spätere beim Abitur, bei der Zulassung für das Medizinstudium, der Promotion und der Professur wirklich harmlos. Es klingt verrückt. Aber die erste Hürde ist für Kinder oft die schwerste, weil sie diese am wenigsten selbst beeinflussen können“, zitiert die Zeitung das Buch. Ihm sei schon damals die „Ungerechtigkeit des Bildungssystems“ bewusst geworden. Gleichzeitig kam ihm etwas anderes in den Sinn. Er wollte Mediziner werden.

Diagnose Krebs mit 13 Jahren: „unvorstellbares Drama“ für Karl Lauterbach

Als 13-Jähriger wurde bei ihm im Rahmen einer Routineuntersuchung eine Knochenzyste am Knie entdeckt. Lauterbach erhielt die Diagnose Krebs. Die Ärzte sagten ihm, dass das Bein möglicherweise amputiert werden müsse. „Für einen Jungen, der im Verein Fußball und Tischtennis spielte und beim Sport deutlich ehrgeiziger war als in der Schule, war das ein unvorstellbares Drama.“ Es folgte eine schwere Zeit für ihn und seine Familie. Seine Mutter habe vierzehn Tage lang nichts essen können, so der Minister.

Lauterbach lag wochenlang wegen „ärztlichen ‚Kunstfehler‘“ in Klinik

Es vergingen Wochen, bis man Lauterbach operierte. Es zeigte sich, dass die Zyste gutartig war und er sein Bein behalten konnte. Das Glück währte allerdings nicht lange, denn der Eingriff selbst wurde fehlerhaft durchgeführt. Lauterbach nennt es im Buch einen „ärztlichen ‚Kunstfehler‘“, der ihn dazu zwang, wochenlang „mit einer offenen Wunde an der Hüfte in der Klinik“ zu bleiben. In den folgenden Jahren musste er immer wieder zu Kontrolluntersuchungen, stets begleitet von der Angst, dass die Zyste wiederkehren könnte.

SPD-Politiker Lauterbach schreibt über „schlecht fortgebildete“ Ärzte

Heute weiß Karl Lauterbach, „wie schlecht fortgebildet die damaligen Ärzte in der Kleinstadt waren. Ihnen war nicht klar, dass die Wahrscheinlichkeit einer wiederkehrenden Zyste gering war. Wäre sie zurückgekommen, wäre sie, anders als die Ärzte mir und meiner Familie sagten, auf jeden Fall wieder gutartig gewesen. So lebte ich also jahrelang unter dem Damoklesschwert einer möglicherweise wiederkehrenden Bedrohung meines Beines, ohne dass es diese Bedrohungslage überhaupt gab“, schreibt er laut dem Blatt in seinem Buch.

Während seiner Zeit in der Klinik bekam Lauterbach trotz Chefarztvisite den Chefarzt nie zu Gesicht. Der behandelnde Arzt wollte womöglich verhindern, dass sein Fehler aufflog. Lauterbach habe dann irgendwann seine Mutter an der Hand genommen und sich in die Privatpatientensprechstunde des Chefarztes gesetzt, bis er Zeit für ihn hatte. Dieser sei über die Behandlung entsetzt gewesen und habe sofort den behandelnden Arzt versetzt, erinnert sich Lauterbach.

Karl Lauterbach: Deshalb wollte er Mediziner werden

Diese Erfahrung prägte den heutigen Gesundheitsminister. Karl Lauterbach erkannte, „wie ungerecht unser Medizinsystem mit den zwei Klassen aus Privat- und Kassenpatienten war“. Er fasste den Entschluss, in die Medizin zu gehen. Er studierte in Aachen, Texas (USA) und Düsseldorf, wo er auch promovierte. Es folgte das Studium der Epidemiologie und Gesundheitsökonomie und die Promotion an der Harvard Universität in Boston (USA). 2005 wurde er Mitglied im deutschen Bundestag.

Kürzlich warb Karl Lauterbach für weniger Fleischkonsum und mehr Klimaschutz. Beim Thema Corona stemmte er sich dagegen, ab dem 20. März die allermeisten staatlichen Corona-Beschränkungen abzuschaffen. Lauterbach hält nicht viel vom «Freedom Day». (ale)

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