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„Nicht wie in Virologie-Lehrbüchern“: Virologen Drosten und Ciesek zeigen sich von Corona-Varianten überrascht

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Von: Martina Lippl

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Der Berliner Virologe Christian Drosten und die Bonner Virologin Sandra Ciesek.
Der Berliner Virologe Christian Drosten und die Bonner Virologin Sandra Ciesek hören beim Corona-Podcast auf. © imago

Virologe Christian Drosten und Virologin Sandra Ciesek steigen beim NDR-Podcast „Coronavirus-Update aus“. Nach 113 Folgen ist Schluss. Die beiden Experten zeigen sich vom Pandemie-Verlauf überrascht.

Berlin/Bonn – Das Ende ist für viele Hörerinnen und Hörer kaum eine Überraschung. Im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ hatte Virologe Christian Drosten es schon angekündigt. „Die Forschung hat geliefert“, unterstrich Virologe Christian Drosten Anfang März. Nun nach zwei Jahren und 113 Folgen ist Schluss.

Christian Drosten von der Berliner Charité will sich nun wieder vermehrt seiner Forschung widmen. Auch die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek - mit dabei seit Folge 55 - möchte sich wieder ihren Forschungsfeldern widmen. Zuletzt waren beide abwechselnd in dem Format zu hören.

Drosten und Ciesek steigen beim NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ aus

In der vorerst letzten Folge „So long“ (Dienstag, 29. März 2022) sprachen Drosten und Ciesek über die aktuelle Corona-Lage, die Zukunft der Pandemie, über die Bedeutung der Masken sowie über den Effekt der Impfung und die Omikron-Variante.

Denn, selbst wenn die beiden Wissenschaftler beim „Coronavirus-Update“ aussteigen - die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei. Ein Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen in Deutschland genügt. Corona-Maßnahmen fallen jetzt weg – auch die Quarantäne soll verkürzt werden.

Drosten schätzt aktuelle Corona-Lage in Deutschland ein

„Die Zahlen werden sicherlich zumindest bis zu den Osterferien oder ein, zwei Wochen danach noch relativ hoch bleiben“

Virologe Christian Drosten

„Die Zahlen werden sicherlich zumindest bis zu den Osterferien oder ein, zwei Wochen danach noch relativ hoch bleiben“, schätzt Virologe Drosten. Derzeit profitiere man vom Haupteffekt durch die Impfung und von der Abmilderung der Krankheitsschwere bei Omikron. „Wir können sagen: Die Situation ist deutlich besser geworden, aber sie ist nicht komplett aufgelöst“, so Drosten. Bei den Krankenhauseinweisungen gebe es einen linearen Anstieg und eine Verlagerung zu höheren Altersgruppen sei zu beobachten. Der Berliner Virologe geht davon aus, dass sich die Intensivstationen wieder stärker füllen und mehr Todesfälle zu verzeichnen seien - vielleicht bis Mitte Mai.

Sandra Ciesek, Direktorin der Virologie vom Universitätsklinikum Frankfurt, sieht das ähnlich: „Wenn die Infektionszahlen stark ansteigen, ist es natürlich schlecht, wenn man gleichzeitig Maßnahmen aufhebt und das Infektionsgeschehen dadurch noch ankurbelt.“ Bei ihr im Krankenhaus gebe es kaum noch Mitarbeiter, die noch nicht infiziert waren oder gerade in Quarantäne oder Isolation sitzen. „Das ist natürlich fatal für die kritische Infrastruktur, wenn zu viele ausfallen.“

Der Berliner Virologe Christian Drosten und die Bonner Virologin Sandra Ciesek.
Der Berliner Virologe Christian Drosten und die Bonner Virologin Sandra Ciesek hören beim Corona-Podcast auf. © imago

Masken tragen - ja oder nein? Virologen appellieren eindeutig dafür

Virologin Sandra Ciesek empfiehlt ausdrücklich auch weiterhin Masken zu tragen – vor allem in schlecht belüfteten Innenräumen, wenn es eng würde und natürlich im öffentlichen Nahverkehr. Auch Virologe Drosten empfiehlt allen Risikopatienten unbedingt weiter Maske zu tragen. Bei einer sinkenden Inzidenz und wenn beispielsweise alle Maskenauflagen fallen, könnte sich Drosten vorstellen aus Höflichkeit bei Symptomen Maske zu tragen.

„Alle Risikopatienten sollten unbedingt weiter Maske tragen - wenn es schon nicht alle anderen tun.

Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast

Corona ist nicht Grippe - Wann geht die Pandemie in die Endemie über?

Das Ende der Corona-Pandemie wünschen sich viele herbei. Doch, es wird noch einige Zeit dauern, bis das Virus endemisch wird. Dieser Übergang von der Pandemie in die Endemie „das geht nicht von heute auf morgen, das sind mehrere Stufen“, erklärt Virologe Christian Drosten.

„Wir sind schon ein ganzes Stück drin in dem Prozess. Die Infektionssterblichkeit in Deutschland ist mit Impfung und unter Omikron auf etwa 0,1 Prozent gesunken, das ist relevant.“ Es sei der Bereich, wie in einer schweren Grippe-Saison. Aber, bei einer Influenza würde die Gesamtzahl nicht so hoch, weil es nicht so viele Übertragungen gebe. Bei Influenza habe jeder x-mal in seinem Leben eine Infektion durchgemacht, sodass eine Immunität auf der Schleimhaut bestehe und zumindest Erwachsene nicht so infektiös seien. „Dadurch läuft eine Grippe-Saison von selbst aus.“

„Bei Sars-CoV-2 haben wir immer noch eine Minderheit in der Bevölkerung, die einen Schleimhautvirus-Kontakt hinter sich hat, man braucht aber eine ganze Reihe von Infektionen, um eine Schleimhautimmunität und damit einen Übertragungsschutz aufzubauen. Die Infektionen, die jetzt über den Sommer stattfinden, werden dazu wahrscheinlich nicht ausreichen“, betont Drosten.

Drosten gibt ernüchternde Prognose für Corona-Winter ab

Drosten geht davon aus, dass im Herbst Maßnahmen nötig sind. „Weil den meisten der Übertragungsschutz fehlt, wird es, wenn es kälter wird, wieder zu verstärkter Übertragung kommen.“ Er rechnet mit einem R-Wert zwischen 2 und 3, wenn keine bremsenden Maßnahmen ergriffen würden. Diese ernüchternde Prognose für den anstehenden Corona-Winter hatte der Berliner Virologe bereits in einem Zeit-Interview abgegeben. Doch der Virologe gibt sich im NDR-Podcast etwas optimistischer: „Und vielleicht ist das aber der letzte Herbst, wo man dann noch mal so bremsen muss.“

„Nicht wie in Virologie-Lehrbüchern“ Ciesek von Coronavirus überrascht

Virologin Sandra Ciesek.
Virologin Sandra Ciesek findet Deltakron „nicht als sinnvolle Bezeichnung geeignet“. (Archivbild) © Sebastian Gollnow/dpa

Sars-CoV-2 hat Drosten und Ciesek nach eigenen Angaben immer wieder überrascht. „Mich haben die Varianten des Virus am meisten überrascht“, gesteht Corona-Experte Drosten. Noch kein Virologe habe eine Pandemie in diesem Ausmaß erlebt, angesichts der Tools, die zur Verfolgung der Ausbreitung und der Charakterisierung eines Virus vorhanden gewesen sein. Wie schnell sich das Virus verändert habe, sei verblüffend.

Virologin Sandra Ciesek gehe es ähnlich „vor allem, weil in den Virologie-Lehrbüchern steht, dass sich Coronaviren eigentlich nicht so schnell verändern. Dass es doch so schnell ging und unterschiedliche Varianten einander abgelöst haben, finde ich immer noch überraschend.“

Übrigens: Der Podcast soll weitergehen. Laut NDR sind Sonderfolgen geplant. (ml) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA 

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