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Pockenimpfung – Wirkweise, Schutz und Nebenwirkungen

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Von: Anna Lorenz

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Um einem Vordringen der Affenpocken Einhalt zu gebieten, wird die Rückkehr der Pockenimpfung diskutiert. Das Vakzin bietet voraussichtlich guten Schutz, ist aber auch für seine Nebenwirkungen bekannt.

München – Die Fälle von Affenpocken mehren sich in Europa. Das Virus, das mit Läsionen in Form von Pocken einhergeht, wird – in Hinblick auf die Lehren aus der Corona-Pandemie – gegenwärtig kritisch beobachtet. Die Frage, inwiefern eine Verabreichung des gängigen Pockenimpfstoffs einer Ausbreitung der Infektionen gegenwirken könnte, ist mittlerweile Gegenstand der politischen Diskussion.

Pockenimpfung gegen Affenpocken: Deutschland lagert Millionen Impfdosen, Lauterbach ordert 44.000 Spritzen Imvanex

Die Familie der Pockenviren ist groß. Wie in dem Lehrbuch Medizinische Virologie (Doerr et al.) nachzulesen ist, ist jedoch, wenn von den Pocken die Rede ist, das Variolavirus (Orthopoxvirus variolae) gemeint, dessen natürlicher Wirt der Mensch ist. Seit der großangelegten Ausrottungskampagne der WHO in den 1960er Jahren gilt dieses Virus als besiegt. Wie die Organisation 1987 berichtete, zählte ein, am 26. Oktober 1977 infizierter Mann aus Somalia als der letzte bekannte Erkrankte. Andere Pockenarten, deren Wirte Tiere sind (Tier-Pocken), existierten weiter – so auch die, 1958 entdeckten Affenpocken. Menschen sind hierbei nicht das eigentliche Ziel des Virus (Fehlwirt); das Affenpocken-Virus, das Orthopoxvirus simiae, beziehungsweise Monkeypox Virus (MPV) genannt wird, war bis dato nicht als besonders ansteckend bekannt. Die Infektionen mit MPV, die sowohl in den 1980er, als auch 1990er Jahren zu epidemischen Geschehen im Kongo führten, verliefen entlang einer nachvollziehbaren Infektionskette und profitierten in ihrer Verbreitung von den defizitären hygienischen Bedingungen.

Da die, für Menschen bedrohlichen Variolaviren, die auch als Blattern bekannt sind, als ausgerottet galten, wurde, wie die Pharmazeutische Zeitung umfassend darstellt, die Impfstoffproduktion mangels Nachfrage mit den Jahren weitgehendst eingestellt. Das einzige Präparat, das als Impfung zur Verfügung steht, ist Imvanex. Der Wirkstoff wird von der dänischen Impfstofffirma Bavarian Nordic produziert und ist seit 2013 in der EU als Vakzin gegen die Pocken zugelassen.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zufolge habe Deutschland mittlerweile „bis zu 40.000 Dosen“ Imvanex, das in den USA eine Zulassung für Affenpocken besitzt, geordert. Zusätzlich lagert Deutschland einem Bericht des Bundesgesundheitsministeriums, der der dpa vorliegt, zufolge 100 Millionen Pockenimpfungen, zwei Millionen davon für die WHO – um welches Präparat es sich handelt, ist nicht bekannt. Vorgehalten werden die Dosen bisher laut dem Ärzteblatt für den Fall einer Rückkehr des Variolavirus.

Affenpocken: Pockenimpfung sorgte einst für schwere Nebenwirkungen

Da Fälle von Affenpocken mittlerweile international auftreten, stellt sich die Frage, ob eine präventive Pockenimpfung MPV Einhalt gebieten könnte. Verpflichtend war die Pocken-Impfung für Einjährige bis 1975 in der BRD, bis 1982 in der DDR. Verabreicht wurde hierbei ein Impfstoff mit dem, dem Variolavirus sehr ähnlichen Vacciniavirus; der Impfschutz brachte, so das Ärzteblatt, auch eine „(Kreuz-)Immunität (...) gegen die nahverwandten Kuhpocken oder Affenpocken“ mit sich. Da die Impfung teilweise jedoch mit schweren Nebenwirkungen und sogar Todesfällen einherging, wurde sie mit der, von der WHO proklamierten Ausrottung der Pocken alsbald eingestellt. Spätestens 1980 (DDR) erfolgten in Deutschland jedoch bereits grundsätzlich keine Erstimpfungen mehr. Somit ist hierzulande nahezu jeder unter 50-Jährige nicht gegen Pocken geimpft.

Menschen, die gegen Pocken geimpft wurden, sollten laut Lauterbach gut geschützt sein. Normaler Pockenimpfstoff sei „aber nicht geeignet, um die Affenpocken zu bekämpfen“, so der Gesundheitsminister. RKI-Chef Wieler stimmt dem zu und macht auf die Nebenwirkungen einer Pocken-Impfung aufmerksam. Der Affenpocken-Impfstoff habe deutlich weniger Nebenwirkungen, so der RKI-Chef.

Während der Chef des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe statuierte, dass noch damals Geimpfte auch gegen Affenpocken „einen guten Schutz“ hätten, berichtet die Pharmazeutische Zeitung, dass mehrere Medizinier, darunter Professor Dr. Leif Erik Sander von der Berliner Charité, sowie Karl Simpson, Direktor des britischen Life-Science-Unternehmen JKS Bioscience Limited, anderer Ansicht sind. Bereits im Juli 2020 hatte Simpson im Fachjournal „Vaccine“ postuliert, dass etwa 70 Prozent der Weltbevölkerung nicht mehr gegen Pocken geschützt seien, nicht zuletzt wegen der nachlassenden Immunität.

2022 veröffentlichte ein Forscherteam unter Leitung der Wissenschaftlerin Eveline Bunge in der Fachzeitschrift „Plos Neglected Tropical Diseases“ eine aktuelle Analyse, in der Affenpocken-Fälle zwischen 1970 und 2019 ausgewertet wurden. Die Anzahl der Erkrankungen habe sich in dieser Zeit verzehnfacht; allerdings sei das Alter der Betroffenen deutlich angestiegen. Dieses Ergebnis, dem zufolge Affenpocken von „globaler Relevanz“ wären, spricht stark für das Nachlassen eines bestehenden Impfschutzes. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) vermutet, dass aufgrund des nachlassenden Pockenimpfschutzes eine Ansteckung bei Kontakt mit MPV stetig wahrscheinlicher wird. So verweist das Institut darauf, dass die „(Primär-)Übertragbarkeit von Mensch zu Mensch (...) von ursprünglich 30 Prozent bei Einzelfällen in den 1980er Jahren auf 73 Prozent der 1997 in der DR Kongo dokumentierten Fälle“ angewachsen sei.

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Inwiefern die für Pocken konzipierte Impfung in Anbetracht der aktuellen Affenpocken-Fälle ratsam ist, hängt demnach von vielen, großteils ungeklärten Fragen ab. Gerade auch die Tatsache, dass sich MPV auf so untypische Weise zu verbreiten scheint, sei „schon ungewöhnlich und müsse(...) genau untersucht und eine etwaige weitere Verbreitung genau beobachtet werden“, so das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bereits am Donnerstag, 19. Mai 2022. Die große Sorge hierbei ist, dass das Virus sich strukturell verändert haben könnte; Spontanmutationen sind bei Pockenviren laut der Pharmazeutischen Zeitung nicht selten.

In diesem Fall wäre fraglich, wie gut Imvanex gegen Affenpocken helfen könnte. Auch Nebenwirkungen des neuartigen Impfstoffes, der dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zufolge erst ab 18 Jahren verabreicht wird, können womöglich erst in großen Impfgruppen statistisch beurteilt werden. Andererseits weist die US-Gesundheitsbehörde Center for Disease Control and Prevention (CDC) darauf hin, Daten aus Afrika hätten ergeben, die Pockenimpfung Imvanex – in den USA als Jynneos benannt – verhindere in bis zu 85 Prozent der Fälle eine Erkrankung an Affenpocken.

Laut Jennifer McQuiston von der CDC würden vor allem „diejenigen, die ein hohes Risiko für eine schwere Erkrankung haben, sowie Kontaktpersonen und medizinisches Personal von einer Impfung profitieren. Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wies laut dpa bereits auf den Nutzen hin, den eine Impfung nicht nur präventiv, sondern auch für bereits Infizierte mit sich bringen könnte. Der Epidemiologe John Brooks von der CDC betonte laut AFP zudem, dass Immungeschwächte oder an Hautkrankheiten leidende Menschen stärker von Affenpocken gefährdet seien. Bisherige Daten weisen darauf hin, dass insbesondere gleichgeschlechtlicher Sexualverkehr unter Männern als möglicher, allerdings nicht ausschließlicher Infektionsweg in Frage kommt. Dem folgend mahnte Montgomery insbesondere jüngere Menschen mit vermehrt wechselnden Sexualpartnern zur Vorsicht. (askl)

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