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Appell: 35 Wissenschaftler fordern Umsteuern bei Corona

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Michael Hallek
Michael Hallek, Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Universitätsklinik Köln. © Marius Becker/dpa/Archivbild

Ihr Ton ist ernst, fast flehentlich: 35 hochrangige Wissenschaftler fordern von der Politik, deutlich entschiedener gegen die vierte Corona-Welle vorzugehen. Es gehe um Leben und Tod.

Köln - Mit einem dramatischen Appell haben 35 führende Mediziner und Fachleute aus ganz Deutschland die Politik zum Umsteuern in der Corona-Krise aufgefordert. „Jeder Tag des Abwartens kostet Menschenleben“, mahnten die Experten in ihrem dreiseitigen Aufruf. „Das Infektionsgeschehen breitet sich unkontrolliert aus. Das Gesundheitssystem läuft Gefahr, zusammenzubrechen.“ Die politischen Entscheidungsträger in Bund und Ländern müssten ihrer „Verantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung“ nachkommen.

Der Text entstand unter Federführung von Michael Hallek, Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Universitätsklinik Köln, und der Braunschweiger Virologin Melanie Brinkmann. Er wurde am Samstag vom „Kölner Stadt-Anzeiger“ und dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ veröffentlicht.

Anlass für den ungewöhnlichen Aufruf der 35 Fachleute - fast alle mit Professoren-Titel - ist die massive Dynamik der vierten Corona-Welle in Deutschland. Die Gesamtzahl der bundesweit nachgewiesenen Corona-Infektionen überschritt am Sonntag die Fünf-Millionen-Marke, die Sieben-Tage-Inzidenz gab das Robert Koch-Institut mit 289,0 an, was erneut ein Höchstwert ist.

„Wir blicken in großer Sorge auf die kommenden Wochen und Monate. Die derzeitige pandemische Situation hat das Potential, die Situation aus dem Frühjahr und vergangene Wellen in den Schatten zu stellen“, schreiben die 35 Unterzeichner. „Das Personal in den Krankenhäusern ist müde und quittiert den Dienst.“

Trotz vielfältiger Warnungen aus der Wissenschaft habe die Politik den Zeitpunkt für ein frühzeitiges Handeln verstreichen lassen. Sie empfänden eine „tiefe Enttäuschung“ über den „wiederholt nachlässigen Umgang mit dem Wohlergehen der Menschen“. Weder beim Impfprogramm noch bei den Corona-Tests oder der Kontaktnachverfolgung agiere das Land so, wie man es angesichts „der technologischen und administrativen Möglichkeiten Deutschlands erwarten sollte“.

Die Politik müsse in der Pandemie ehrlicher mit den Bürgern kommunizieren. Allein mit der Debatte, den Rechtsstatus der epidemischen Notlage zu beenden, habe die Politik „komplett die falschen Signale“ gesendet, sagte Hallek im WDR. „Das hat natürlich dazu geführt, dass die Menschen weniger vorsichtig werden, wo doch Kontaktbeschränkungen in geringem Umfang noch sinnvoll sind.“ Außerdem müsse die Politik alles dafür tun, dass sich mehr Menschen impfen lassen. „Notfalls auch mit mildem Zwang“, forderte der Kölner Klinikdirektor.

Die Forscher fordern in ihrem gemeinsamen Appell außerdem die Einrichtung eines nationalen Krisenstabs mit Fachleuten aus Virologie, Medizin und Öffentlicher Gesundheit, aber auch Praktikern mit Leitungserfahrung, etwa aus Kliniken oder Unternehmen. Politische Entscheidungen müssten viel stärker als bisher an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet werden. dpa

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