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Behörden-Chaos um Ukraine-Flüchtlinge in München: Hunderte warten vergeblich vor Sozialbehörde

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Von: Klaus Vick, Phillip Plesch

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Hunderte Ukrainer warten vor dem Amt für Wohnen und Migration in der Werinherstraße. Die meisten jedoch vergeblich...
Hunderte Ukrainer warten vor dem Amt für Wohnen und Migration in der Werinherstraße. Die meisten jedoch vergeblich... © P. Plesch

Nach dem Chaos am Hauptbahnhof gibt es nun wieder Unklarheiten um die Ukraine-Flüchtlinge: In Obergiesing warteten hunderte vergeblich auf Hilfe.

München - Warm eingepackt stehen sie im Schatten der hohen Verwaltungsgebäude. Manche sind schon die ganze Nacht hier. Hunderte Ukrainer warten* vor dem Amt für Wohnen und Migration in der Werinherstraße (Obergiesing) auf einen Termin. Hier sollen sie Bargeld, Kleidung und die notwendigen Dokumente für eine ärztliche Versorgung bekommen. Doch die meisten warten vergebens.

„Wir sind jetzt schon den siebten Tag in Folge hier, haben immer nur gewartet, aber bisher ist gar nichts passiert“, berichtet Katai Hamza (24). Am Montag warteten er und sein Freund Ayoub Ezzraidy (27) ab acht Uhr morgens vor dem Amt. Mal wieder umsonst. Um 10.30 Uhr werden sie weggeschickt, ein Bus würde sie zu einer anderen Stelle bringen. Wohin? Das wissen die Männer nicht.

Chaos um Ukraine-Flüchtlinge in München: In der Schlange herrscht große Unsicherheit

Mykola Kudinenko (39) wartet seit sieben. Er bleibt, auch wenn die Tore bereits verschlossen sind. Er habe die Info bekommen, dass täglich nur die Fälle von 150 Flüchtlingen bearbeitet werden. In der Schlange stehen aber viel mehr. „Meine Motivation ist die Aussicht auf eine Krankenversicherung für unser krankes Kind“, sagt der dreifache Vater. Sein Plan: Wenn es heute nichts wird, verbringt er die ganze Nacht hier, um am nächsten Tag sicher dranzukommen.

Die Tore an der Sozialbehörde werden früh geschlossen.
Die Tore an der Sozialbehörde werden früh geschlossen. © P. Plesch

In der Schlange herrscht Unsicherheit. Ein Ukrainer erklärt mit einem Megafon, wie die aktuelle Lage ist. Er wird von einigen Polizisten begleitet. Als er mit der Durchsage fertig ist, strömen die Menschen auf ihn zu. Sie haben viele Fragen. „Dafür haben wir keine Zeit“, sagt ein Polizist. Immerhin muss die Durchsage mehrmals wiederholt werden. Ansagen von einem Verantwortlichen? Fehlanzeige!

„Das ist beschämend und schlecht organisiert“, sagt Lars Branscheidt. Der Münchner ist mit einer Ukrainerin verheiratet. Deren Verwandtschaft, die Familie Bondarenko, wohnt nun übergangsweise bei den beiden. Branscheidt ist einer von vielen Deutschen, die zur Unterstützung mit in der Schlange stehen. Dass man online nichts beantragen kann, versteht der Münchner nicht. Gegen 11.30 Uhr gibt die Familie fürs erste auf und zieht davon.

Unzufrieden mit der Verwaltung: Familie Bondarenko hofft auf eine baldige Krankenversicherung.
Unzufrieden mit der Verwaltung: Familie Bondarenko hofft auf eine baldige Krankenversicherung. © P. Plesch

Das städtische Sozialreferat räumte am Montag ein, dass das Amt für Wohnen und Migration dem aktuellen Ansturm nicht gewachsen sei. Man versuche jedoch, personell nachzusteuern. Dass die Warteschlange so lange gewesen sei, habe damit zu tun, dass sich beim Amt in München offenbar auch Flüchtlinge eingefunden hätten, die eigentlich in anderen Städten oder Landkreisen untergebracht seien.

Die Stadt wappnet sich für weitere Ankommende

Unterdessen wappnet sich die Stadt für die Ankunft weiterer Geflüchteter. In Bayern sind bereits 45.000 Ankommende registriert. Stand Montagvormittag waren in München rund 8200 Menschen angekommen. Drehkreuz ist der Hauptbahnhof mit einem Infopunkt* der Caritas. Von der Lage dort wollte sich am gestern Abend auch Innenminister Joachim Herrmann ein Bild machen.

Vom Bahnhof geht’s für die Geflohenen dann in die Unterkünfte. 2300 Bettplätze stehen nach Angaben der Stadt in zwei Messehallen bereit, die kurzfristig auf bis zu 4000 Plätze ausgeweitet werden. Insgesamt seien zuletzt mehr als 6000 Plätze in Notunterkünften und Hotels organisiert worden.

Für OB Dieter Reiter (SPD) ist die Herausforderung, vor der die Stadt heute steht, zum Teil noch schwieriger als bei der Flüchtlings-Welle 2015. Reiter: „Damals kamen die Geflüchteten am Hauptbahnhof an, wurden jedoch relativ schnell in andere Gebiete in Bayern und Deutschland weitergeleitet.“ Das ist diesmal anders. Bund und Land seien daher gefordert, die Ballungsräume zu unterstützen und möglichst rasch für eine nachhaltige und sinnvolle Verteilung der Menschen zu sorgen.*tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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