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Alle Jahre wieder: Unbedachte „tierische“ Geschenke

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Tierheime
Sven Fraaß, Hamburger Tierschutzverein, steht am Eingang im Tierheim in der Süderstraße. © Christian Charisius/dpa

Tierschützer warnen davor, Tiere zu Weihnachten zu verschenken. Sie fürchten, dass die lebenden Geschenke anschließend nicht artgerecht gehalten oder hinderlich werden.

Saarbrücken/Mainz - Wenn das Weihnachtsfest näher rückt, klingeln bei Tierschützern die Alarmglocken. „Vor allem Kleintiere wie Kaninchen, Meerschweinchen und Hamster sind das klassische Weihnachtsgeschenk für Kinder“, weiß Frederick Guldner, Sprecher des Tierschutzvereins 1924 Saarbrücken und des Bertha-Bruch-Tierheims. Und genau solche Tiere sind es dann auch, die irgendwann nach den Feiertagen langweilig oder lästig werden und dann schnell wieder verschwinden müssen.

Um jene unbedachten Spontankäufe auszuschließen, gibt das Saarbrücker Tierheim in den Tagen vor Heiligabend gar keine Tiere mehr ab. „Oder aber wir stellen den Interessierten sehr genaue und gezielte Fragen“, sagt Guldner. „Und wenn es dann zu spontan klingt, vertrösten wir auf das neue Jahr.“ Mit dieser Taktik stehen die Saarbrücker nicht alleine da. „Viele Tierheime vermitteln nicht mehr vor Weihnachten, und das ist auch gut so“, meint Andreas Lindig, Landesverbandsvorsitzender des Deutschen Tierschutzbundes in Rheinland-Pfalz. Seit 30 Jahren betreibe er Tierschutz, und die Problematik entstehe alle Jahre wieder aufs Neue. „Das ist das, was uns viele Sorgen bereitet.“

Die Anschaffung von Kleintieren verursache oft nur minimale Kosten. Das Gehege jedoch im Vergleich dazu sei teurer und aufwendiger. Die Folge: Meerschweinchen und Kaninchen, die eigentlich als Gruppentiere in großen Gehegen gehalten werden und Möglichkeiten zum Laufen und Buddeln haben müssten, würden nicht artgerecht gehalten. Auch von gut gemeinten Tiergeschenken - etwa für Eltern, die nun im Ruhestand seien - rät Lindig ab: „Finger weg von lebenden Geschenken“, appelliert er. „Jeder, der ein Tier möchte, sollte für sich selbst entscheiden.“

Zwar würden Tierschützer viel Aufklärungsarbeit leisten, auf der anderen Seite gebe es immer noch Unbelehrbare, die Tiere zu Weihnachten verschenken - „vor allem, seitdem es durchs Internet so leicht geworden ist, an Tiere heranzukommen“, bedauert Lindig. Exoten wie Schlangen, Echsen oder Leguane würden auf diese Weise schnell angeschafft, würden aber danach aufgrund falscher Haltungsbedingungen oft verenden. Und dann werde das nächste Tier gekauft.

Auch der Hunde-Handel im Internet, oft mit Tieren aus dem Ausland, macht Tierheimen zu schaffen: „Das ist wie Katalogshopping. Manche holen sie dann quasi aus dem Lkw ab. Und wenn es dann hinterher Probleme gibt, werden sie natürlich nirgendwo zurückgenommen“, berichtet Frederick Guldner.

Auch wenn die Tierheime derzeit überfüllt sind, schauen die Tierschützer in diesen Tagen bei einer möglichen Vermittlung besonders streng hin. „Es bleibt bei demselben Prozedere, dass Interessenten die Hunde zwar kennenlernen und mit ihnen spazieren gehen können. Aber sie werden erst nach Weihnachten abgegeben“, sagt Lindig. Einzige Ausnahme in Saarbrücken: „Wenn jemand schon ein halbes Jahr kommt und sagt, dass er das Tier jetzt gerne mitnehmen würde, weil er über die Feiertage Urlaub hat, dann würden wir vermitteln, weil es kein Spontankauf ist“, erläutert Guldner.

Aktuell gibt es im Saarbrücker Tierheim mehr als 50 Hunde, die auf neue Besitzer warten. Auch die Tierkäufe zu Pandemie-Zeiten spielten da eine Rolle. Eine richtige Abgabewelle habe es zwar noch nicht gegeben, aber bei etwa einem Dutzend Hunde könne man schon sagen, dass es „definitiv klassische Corona-Hunde“ seien. Bei manchen anderen, die zwischen zwölf und 16 Monate alt seien und abgegeben worden seien, könne man nur mutmaßen.

Die Gründe seien dieselben: „Viele Halter sind einfach überfordert, weil man sich überschätzt hat mit den Aufgaben“, so der Sprecher des Tierschutzvereins. „Ein Tier zu erziehen, ist nicht von heute auf morgen getan. Nicht jeder hat das Händchen dafür und nicht jeder möchte eine Hundeschule besuchen.“ Wenn der Hund oder die Katze dann vielleicht auch noch krank geworden sei und Tierarztkosten hinzukämen oder sie lästig seien, weil man in den Urlaub fahren möchte, würden sie einfach wieder abgegeben.

Der Vorsitzende des Tierschutzbundes in Rheinland-Pfalz befürchtet, dass das Problem mit den „Corona-Tieren“ noch längst nicht vorbei ist. „Die Pandemie ist noch in vollem Gange. Ich glaube nicht, dass wir das Thema schon abhaken können“, sagte Andreas Lindig. Wie sich das Problem der unbedachten Tierkäufe in Homeoffice-Zeiten weiterentwickeln werde, lasse sich noch nicht einschätzen. Er befürchte, dass man noch längst nicht die vollen Auswirkungen erlebe.

Hinzu komme ein weiteres Problem: In der Pandemie habe auch das menschliche Sozialverhalten in den vergangenen zwei Jahren gelitten. „Die sozialen Probleme werden von vielen kompensiert, die ihre aufgestaute Liebe nun an Tiere weitergeben wollen“, so Lindig. Viele kauften sich vor allem deshalb dann ein Tier, weil ihnen der soziale Kontakt fehle. „Das ist ja nicht böse oder schlecht“, räumt Lindig ein. „Aber man muss vorsichtig sein, dass aus solchen Situationen nicht eine krankhafte Einstellung wie das so genannte „Animal Hoarding“ entsteht“ - also eine Tiersammelsucht, die von Experten als ernstzunehmende psychische Erkrankung eingeschätzt wird. dpa

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