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Scholz besucht neun Monate nach der Flut wieder das Ahrtal

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Bundeskanzler Scholz
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Ufer mit Ortsbürgermeister Walter Radermacher (l). © Boris Roessler/dpa-Pool/dpa

Unmittelbar nach der verheerenden Flutnacht war Olaf Scholz das erste Mal im Ahrtal - damals noch als Stellvertreter von Kanzlerin Merkel. Fast neun Monate später informiert er sich als Kanzler über den Stand des Wiederaufbaus.

Ahrbrück - Der 92 Jahre alte Erich Holzky ist sichtlich gerührt über den Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) in Ahrbrück. Fast neun Monate nach der Flutkatastrophe mit 134 Toten lebt Holzky längst wieder in seinem Haus. Er hatte Glück, das Wasser stand nur im Untergeschoss. Er habe sechs Wochen bei seinem Sohn gewohnt und dieser alles geregelt, so dass er zurückkehren konnte, erzählt der betagte Senior.

Dieter Hupperich, der am Dienstag auch am Gedenkstein in der Ortsmitte von Ahrbrück auf den Kanzler wartet, sagt: „Er soll sich das Elend ruhig mal angucken.“ Der 80-Jährige ergänzt aber sogleich: „Es ist aber schon gut geholfen worden.“

Obwohl die freiwillige Feuerwehr in der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 seine Straße evakuiert habe, sei er mit seiner Frau im Haus geblieben, berichtet Hupperich. „Das war ein Fehler.“ Die beiden mussten im eigenen Haus bis auf den Speicher hinauf, um den Wassermassen zu entkommen. „Das Wasser hatte noch nie so hoch gestanden.“ Inzwischen kann er zumindest wieder im ersten Stock wohnen, mit einer provisorischen Küche in einem der ehemaligen Kinderzimmer.

Nicole Hupperich-Hoffmann ist mit ihrer Tochter (7) und ihrem Sohn (5) gekommen, weil die Kinder die Polizei sehen wollen, die den Kanzler, Bundesinnenministerin Nancy Faeser, Ministerpräsidentin Malu Dreyer (alle SPD) und die anderen Politiker begleitet. In ihr Haus können sie noch nicht zurück, sie wohnen einige Kilometer entfernt bei Bekannten zur Miete.

Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal sind 134 Menschen ums Leben gekommen, 9 davon in Ahrbrück. Etwa 260 Häuser in der Ortsgemeinde mit ihren 1200 Einwohnern wurden beschädigt, mehr als 20 mussten abgerissen werden. Betroffen waren auch Campingplätze und zwei Vereinshäuser, eines wurde von den Wassermassen weggespült.

Von den bei der Sturzflut rund 750 Verletzten stammten etwa 20 aus Ahrbrück, sagt Ortsbürgermeister Walter Radermacher (Bürgerverein). Dazu kämen aber ganz viele seelische Wunden. „Für alle Bürger und die, die mithelfen, ist es ganz wichtig zu sehen, dass das weiterhin auf dem Tisch liegt - und zwar relativ weit oben“, sagt er über Scholz' Besuch.

Die neue Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) sieht in dem Besuch des Kanzlers „ein wichtiges Zeichen“ und freut sich über die Aufmerksamkeit für die ganze Region. „Es ist noch so viel aufzubauen, und es gibt noch so viele Fragen“, sagt sie. Dazu gehöre etwa eine Sonderbau- und Sonderhandelszone, „die nicht mehr so realitätsnah erscheinen und so wichtig wären“.

Der Kanzler spricht mit ehrenamtlichen Helfern und Betroffenen, stellt Fragen und erkundigt sich nach dem Stand des Wiederaufbaus. Robert Freisberg aus dem Innenministerium in Mainz erläutert ihm, wie auf einem Fabrikgelände mit rund 4,1 Millionen Euro vom Land rund 150 neue Wohneinheiten entstehen sollen. „Das ist ein Angebot nicht nur für Ahrbrück, sondern fürs ganze Ahrtal.“

In nur einem halben Jahr habe geklärt werden können, dass dies technisch und wirtschaftlich möglich sei. „Sonst dauert das zwei Jahre“, sagt Freisberg. Die Halle werde 2023 abgerissen, 2024 könnten dann voraussichtlich die Bauarbeiten beginnen. Für die Grundstücke auf der Wiese davor könnten noch in diesem Jahr Bauanträge gestellt werden. Für den Wiederaufbau der beiden gemeindeeigenen Brücken übergibt Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) Bürgermeister Radermacher 693 000 Euro Fördergeld.

Die Bundesregierung habe das Ahrtal nicht vergessen, versichert der Kanzler nach dem Besuch laut einer Mitteilung der Staatskanzlei. Deshalb sei er trotz der angespannten Weltlage in die Flutgebiete von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gekommen. dpa

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