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Streeck stellt alle G-Regeln infrage: „Darf keinen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften mehr geben“

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Von: Maximilian Kettenbach

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Der Virologe Hendrik Streeck.
Der Virologe Hendrik Streeck. © Christoph Hardt/Imago

Keine G-Regelungen mehr und die Maskenpflicht sausen lassen? Virologe Hendrik Streeck macht im Merkur.de-Interview Lust auf den Sommer, mahnt aber vor dem Herbst.

München - Die Corona-Zahlen steigen weiter, doch Deutschland stellt sich langsam auf Lockerungen ein. Der Bonner Virologe Prof. Dr. Hendrik Streeck stimmt in diesen Chor prinzipiell mit ein und hofft auf einen baldigen Sommer-Modus, nahezu ohne einschränkende Corona-Maßnahmen. Im Merkur.de-Interview plädiert er dafür, alle G-Regelungen fallen zu lassen, wie er Ungeimpfte überzeugen würde und über bisher unbekannte „Phänomene“ bei zu häufiger Impfung.

Herr Streeck, zuletzt stellte auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach Lockerungen noch vor Ostern in Aussicht. Zurecht oder sollte die Bundesregierung Ihrer Ansicht nach sogar noch schneller öffnen?

Wir sehen einen Anstieg bei den Corona-Neuinfektionen, aber das Wachstum nimmt ab. Wir sehen das zum Beispiel im Rückgang des R-Werts. Die Infektionszahlen werden daher bald deutlich sinken. „Vor Ostern“ ist eine relativ lange Zeitspanne. Wir müssen jetzt klug und umsichtig Öffnungsstrategien planen. Hier steht im Vordergrund, dass wir uns auf die Maßnahmen fokussieren, die wissenschaftlich begründet sind und nicht jene, deren Wirksamkeit fraglich sind.

Von welchen Maßnahmen sprechen Sie dabei?

Eine Reihe von Maßnahmen wie beispielsweise die Sperrstunde oder 2G-Plus Konzepte wurden zumindest bisher wissenschaftlich nicht bewiesen, effektiv zu sein.

Das Risiko der Übertragbarkeit der Omikron-Variante bei Ungeimpften wie Geimpften ähnelt sich: Ist es schon an der Zeit für 3G-Regelungen in Kino, Museen oder Restaurants?

Doppelt Geimpfte übertragen das Virus wie Ungeimpfte. Das ändert sich mit der Boosterung ein wenig, aber gesichert nur für ein paar Monate. Daher muss man sich generell die Frage stellen, ob man an den G-Regeln festhalten will. Anlassloses Testen erachte ich daher nicht mehr als sinnvoll. Natürlich sollte man sich an Orten, an denen man vulnerablen Gruppen begegnet wie in Kliniken oder Pflegeeinrichtungen zuvor testen. Aber letztlich werden wir alle in Kontakt mit dem Virus kommen. Als Zweites können wir den Umgang mit dem Infektionsgeschehen nicht weiter nur an die Inzidenzen koppeln. Sie haben ihre absolute Aussagekraft verloren. Dafür sollte der Hospitalisierungswert der bestimmende Faktor werden. Und hierbei muss sichergestellt werden, dass wir hier klar erfassen, ob jemand wegen symptomatischer Corona-Infektion behandelt wird oder aus anderen Gründen im Krankenhaus ist.

Virologe Streeck über baldige Corona-Lockerungen: „Darf keinen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften mehr geben“

Sollten also beispielsweise Restaurants nun für alle öffnen?

Wir müssen vorsichtig zur Normalität zurück. Da darf es aus meiner Sicht keinen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften mehr geben. Ich will das nicht an einem Zeitpunkt festzumachen und bin daher auch kein Fan eines Freedom Day. Auch wenn Ostern alleine symbolisch ein schöner Zeitpunkt ist, kann es auch gut sein, dass wir bereits vorher die meisten Maßnahmen fallen lassen können. Dies hängt von der Belastung des Gesundheitswesens ab.  

Dürfen wir uns auf einen maskenfreien Sommer freuen?

Ich würde mir wünschen, dass wir im Sommer darauf verzichten. Ich plädiere für einen Sommer-Modus und für einen Winter-Modus. Im Sommer könnten wir daher auf Maßnahmen verzichten, im Herbst und Winter wiederum müssten Maßnahmen sein. Ich vergleiche das gerne mit Sommer- und Winterreifen-Modus, bei dem es selbstverständlich ist, dass man im Winter bei Schnee langsamer fahren muss als im Sommer.

Sie sitzen im Expertenrat mit dem Virologen Christian Drosten. Auch Gesundheitsminister Lauterbach steht dem bei. Sie schienen häufig anderer Ansicht als die beiden. Wie würden Sie die Zusammenarbeit mittlerweile beschreiben?

Ich muss zunächst widersprechen - Christian Drosten und ich waren häufig prinzipiell einer Meinung. Nicht in allen Nuancen, aber dieses Spektrum wurde gerne als Widerspruch und mehr interpretiert. Der Expertenrat berichtet dem Kanzleramt. Herr Lauterbach ist dabei, der Umgang ist aus meiner Sicht höchst konstruktiv, Punkt.

Info-Box: Das ist der Virologe Hendrik Streeck

Streecks drei Hinweise an Ungeimpfte: Horror-Visionen aller Art wurden nicht wahr

Dennoch wurde der Genesenenstatus vom RKI praktisch über Nacht auf drei Monate herabgestuft, was Sie sehr kritisierten. Nach dieser Zeitspanne sinkt offenbar aber auch der Schutz nach einer Boosterimpfung ab. Muss das RKI diesen Booster-Impfstatus dann nicht auch absenken und anpassen?

Studien zeigen, dass Genesene einen sehr guten Schutz vor einem schweren Verlauf haben. Ich sag es mal so: 26 europäische Länder sehen den Genesenstatus bei mindestens sechs Monaten. Ich glaube nicht, dass sich die Wissenschaftler aller dieser Länder irren. Ich plädiere daher dafür, Genesene und Geimpfte gleichzusetzen. Wichtig ist doch, dass eine Grundimmunität besteht und da kann man in meinen Augen auch die Antikörperspiegel heranziehen. Medizinisch ließe sich zumindest eine Teilimmunität nachweisen. Im Übrigen: Jeder muss für sich selbst wissen, wie er sich schützen will. Ich selbst gehe lieber mit einer Dreifach-Impfung in eine Infektion.

Sie sind selbst kein Verfechter der Impfpflicht. Warum nicht?

Dafür gibt es Gründe. Alleine die Grundvoraussetzung dafür ist nicht gegeben: Mit unserer Impfung wird es keine Ausrottung des Virus‘ geschweige denn eine sterile Immunität geben. Das Virus mutiert weiter und wir können weder die Schutzwirkung noch Schutzdauer der Impfungen vorhersagen.  

Wie sehen Sie dann die vorläufige Abkehr Söders von der Teil-Impfpflicht in Bayern? Sollten alle Bundesländer da mitziehen, oder stiftet das jetzt nur noch mehr Verwirrung?

Ebenso wie die allgemeine Impfpflicht sehe ich die einrichtungsbezogene Impfpflicht skeptisch. Die Auswirkungen der Einführung der einrichtungsbezogenen Impfpflicht wird regional sehr unterschiedlich sein. Die personelle Lage kann sich in einigen Kliniken und Pflegeheimen verschärfen. In anderen Regionen wird es keine Rolle spielen. Es ist gut, wenn die Politik diese Abwägung in ihre Entscheidung mit einfließen lässt.

Mit einer Impfpflicht wäre der „Spuk im Herbst vorbei“, meint Lauterbach.

Wenn es so kommt, freue ich mich!

Wenn Sie lediglich drei Argumente nennen dürften, um Ungeimpfte von einer Impfung zu überzeugen. Welche wären das?

Das stärkste Argument schlechthin ist, dass die Impfung einen vortrefflichen Schutz vor einem schweren Verlauf bietet. Denn, auch wenn ein schwerer Verlauf als jüngerer Mensch weniger wahrscheinlich ist, kann es passieren. Lieber gehe ich mit einer kugelsicheren Weste in eine solche Begegnung als ungeschützt. Das Immunsystem wird mit einer Impfung auf diesen Kampf vorbereitet. Zweitens: Die Impfstoffe sind sicher. Das sieht man an den inzwischen über einer Milliarde Menschen, die geimpft wurden. Und: Horror-Visionen aller Art wurden nicht wahr. Mein drittes Argument: Auch wenn das eigene Immunsystem stark ist, kann es trotz allem passieren, dass man durch eine Infektion Langzeitschäden bekommt. Mit einer Impfung wird dieses Risiko minimiert.

Streeck über zu viele Impfungen: „Dann können immunologische Phänomene auftreten, die wir so noch nicht hatten“

Viele impfen sich nun schon zum vierten Mal. Wie viele Pikse im Jahr sind aus virologischer Sicht denn überhaupt gesund?

Es ist wichtig zu bedenken: Das Impfschema unserer Impfstoffe ist für zwei Impfungen zugelassen. Der Booster hilft eindeutig. Ein sehr häufiges und hochfrequentes Impfen immer wieder gegen die gleiche Variante sehe ich aber skeptisch. Dann können immunologische Phänomene auftreten, die wir so noch nicht hatten und bei Impfungen schlecht erforscht sind. Da sprechen wir etwa von einer Toleranzentwicklung, also einer Art Hyposensibilisierung. Aber auch eine Ermüdung der T-Zellantworten ist möglich oder die Antigen-Erbsünde des Immunsystems, die - einfach gesagt - entstehen kann, wenn das Immunsystem verlernt, Unterschiede des Virus zu erkennen. Das ist natürlich alles theoretisch, weil nichts bisher erforscht ist. Das tritt, um das aber deutlich zu sagen, nicht nach der dritten Impfung auf.

Im Herbst sind möglicherweise die Antikörperspiegel vieler Menschen wieder gesunken. Das Infektionsrisiko steigt aber wieder. Hilft manchen dennoch dann eine beispielsweise fünfte Impfung mit dem Omikron-Wirkstoff?

Für bestimmte Risikogruppen macht es in den Herbstperioden dann immer wieder Sinn, sich neu zu impfen. Das ist dann ja wie bei der Grippe. Das gilt aber sicherlich nicht für die Allgemeinbevölkerung.

Geben Sie uns einen Ausblick in den Herbst 2022. Wird der neue Omikron-Subtyp dann zum Spielverderber oder müssen wir tatsächlich auch weitere Varianten fürchten?

Ich halte wenig davon zu spekulieren, welche Varianten auftreten könnten und danach das Leben auszurichten. Es könnte alles Mögliche entstehen. Da will ich nichts ausschließen, aber ich halte es für weniger wahrscheinlich, dass das Virus eine Entwicklung macht, dass es wieder zu vermehrt schwereren Verläufen kommt. (mke)

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