Der 17-Sekunden-Animator

- Morgens tut sich Bodil Heinemeier schwer. "Nachts arbeiten, tagsüber schlafen -_ das liegt mir mehr", erzählt die 20-jährige Dänin, die seit einem guten Jahr in München lebt. Aber wenn sie dann über ihrem von unten erleuchteten Zeichentisch liegt, auf fast durchsichtigem Seidenpapier mit weichem Bleistift zu skizzieren beginnt, hat die junge Frau schnell vergessen, dass für sie um 10 Uhr morgens die Welt noch nicht in Ordnung ist.

<P>Heldenstück soll<BR>Kasse machen</P><P>In den zurückliegenden Monaten saß sie dort gemeinsam mit ihren bis zu 500 Kollegen oft bis weit über Mitternacht hinaus - einschließlich der Wochenenden versteht sich. Zu tun war viel, denn hier, in der Rosenheimer Straße im Münchner Osten, entsteht derzeit das größte Zeichentrick- bzw. Animationsfilmprojekt, wie es in der Szene heißt, das es je in Deutschland gegeben hat: "Till Eulenspiegel" von Eberhard Junkersdorf (Regie und Produktion), dessen Firma "Munich Animation" jetzt sogar dem Giganten Disney Konkurrenz macht.</P><P>Kaum zu glauben: Von außen ein unscheinbares Firmengebäude, findet man drinnen einen einzigen riesigen Raum voll mit Zeichentischen, Computern und konzentriert arbeitenden Leuten aus aller Herren Länder. Kreativität liegt in der Luft. Das Durcheinander aus Sprachen und Ideen sorgt für multikulturellen Flair. Auf Hochdruck wird gearbeitet, überall hängen Zeichnungen mit Entwürfen, auf den PC's flimmern Einzelbilder oder kurze Szenen, Farbbilder werden durch den Gang getragen. Ein Chaos, das von einem seltsamen Rhythmus bestimmt zu sein scheint.</P><P>Wie entsteht überhaupt ein Zeichentrickfilm? Dass man heute alles am Computer machen kann, ist eine verbreitete Ansicht. Aber falsch. Modernste Technik kommt erst in der letzten Produktionsphase zum Einsatz. Davor wird ganz klassisch gezeichnet. Und am Anfang stand auch hier erst einmal eine gute Idee. Junkersdorf, der mit Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" 1979 den Oscar gewann, gründete die Animationsfirma 1995. Die Kinderfilme "Die furchtlosen Vier" und "Hilfe, ich bin ein Fisch" waren erste Erfolge. Da beschloss Junkersdorf, sich einmal an einer klassischen europäischen Geschichte zu versuchen. Wenn "Schneewittchen" und "Dschungelbuch" Welterfolge werden, dürfte das mit "Till Eulenspiegel" auch gelingen, so das Kalkül. "Till ist kein Opportunist, hat ein großes Herz", umreißt der Produzent den Charakter seines Helden. "Ich sehe in ihm viel von dem, was man als Erwachsener wie als Kind sein möchte." </P><P>Der Charakter<BR>wird designt</P><P>Zunächst wird ein erstes "Storyboard" entwickelt. In diesem wird die Geschichte in Szenen, Bildfolgen und Kameraperspektiven - bis in die Schnittfolgen hinein - übersetzt. Zugleich werden die Dialoge mit englischen Sprechern im Synchronstudio aufgezeichnet, damit sich die Zeichnungen später synchron zur Sprache verhalten.</P><P>Bevor die Arbeit am Zeichentisch beginnt, entwerfen sogenannte Charakterdesigner die Figuren, geben ihnen ein prägnantes Aussehen, ein bestimmtes Lachen, Bewegungsarten und Schrullen und damit Persönlichkeit. Auch einen eigenen "Ausstatter" beschäftigt man, der für jede Szene die Kleidung und die Gestalt der Räume festlegt, und kontrolliert, dass sie den gesamten Film über gleichbleibend "stimmen". </P><P>600 000 Blatt Papier<BR>bürgen für Qualität</P><P>Von jeder Hauptfigur gibt es am Ende dieser Phase eine große Tafel mit Einzelbildern, die sie in verschiedenen Stimmungslagen und mimischem Ausdruck zeigen. Ihren Kopf gibt es sogar als kleine dreidimensionale Statue, damit man die Perspektiven besser abschätzen kann. Der steht dann z. B. auf dem Tisch von Bodil Heinemeier, wenn sie an ihrer Figur arbeitet. Wie viele ihrer Kollegen hat Bodil ihre Arbeit in Dänemark auf einer der wenigen privaten Animationsschulen gelernt. "In München hat man mir dann vor allem die Frauenfiguren anvertraut. Wenn ich Männer male, haben die oft etwas Feminines." Hauptfiguren werden immer von mehreren Zeichnern übernommen, denn ein Animator schafft im Monat kaum mehr, als für 17 Sekunden Film Material zu produzieren. </P><P>Über 600 000 Blatt Papier wurden für "Till" bisher "verzeichnet", wie "Animation Director" John McClenahan betont. Der Amerikaner führt die Arbeit der einzelnen Zeichner zusammen und kontrolliert die Qualität. Die nicht immer gleichbleibend gut sein kann. Dann muss McClenahan gut zureden: "Ich weiß, wie ich Künstler ansprechen muss." Überrascht war der aus Chicago stammende Mann, wie professionell man hierzulande arbeitet: "In den USA herrscht die Tendenz vor, so billig wie möglich zu arbeiten." Trotzdem sind die Kosten in München geringer als in Amerika: Der Film hat einen Etat von rund 15 Mio. Euro. "In den USA würde er knapp das Doppelte kosten." Außer seinen eigenen Zeichnern muss McClenahan die Arbeit von 25 verschiedenen Studios in Europa betreuen, die einzelne Szenen oder Szenenteile zuliefern. Ist das geschehen, kommt Hans Lindenmüller ins Spiel.</P><P>Auf der Kunsthochschule hatte sich der Münchner auf Digital-Kunst spezialisiert. Über 100 000 Bilder hat er seitdem als "Compositor" produziert, also auf dem Computer teilweise eingescannt, teilweise entworfen oder von Kollegen entwerfen lassen, und schließlich zusammengeführt. Der Eindruck der Bewegung entsteht auch hier aus dem Nacheinander von Einzelbildern. In der Regel genügen 12 Bilder pro Sekunde, bei schnellen Bewegungen müssen es bis zu 24 Bilder pro Sekunde sein. Immer wieder muss Lindenmüller die Zwischenergebnisse kontrollieren. Eine Szene kann sich aus bis zu 90 Einzelelementen zusammensetzen. Dazu gehören zum Beispiel auch die Hintergründe, vor denen die Figuren agieren. </P><P>Besonders schwierig sind die Spezialeffekte wie Regen und Nebel, Schatten und Lichtsetzung. "Indem ich Farben verändere", erzählt Lindenmüller, "definiere ich Stimmung und Atmosphäre." Anspruchsvoll sind auch Massenszenen: Hierzu werden Figuren zuerst dreidimensional entworfen, später dann auf zwei Dimensionen heruntergerechnet. Der Vorteil des Aufwands: "Man kann Figuren drehen, kann zoomen und schwenken und so aus mehreren Perspektiven zeigen." Im Film wirkt das wie eine echte Kamerafahrt - tricktechnisch eine extrem aufwändige Leistung. </P><P>Unvorstellbare<BR>Rechenkapazität</P><P>Die unvorstellbare Menge von 2,2 Terrabyte Rechenkapazität wird für den Film benötigt. Trotz solcher Vorteile wird alles Wichtige weiterhin gezeichnet und nicht am PC entworfen: "Der Computer ist glatt, er hat keine Seele", weiß auch Lindenmüller. "Till Eulenspiegel" wird, da sind sich hier alle einig, internationalen Ansprüchen gerecht. Zweieinhalb Jahre hat die Produktion in Anspruch genommen, am 25. September kommt der Film in die Kinos. Wenn alles gut geht, werkelt man schon bald am nächsten Projekt. Denn bis man Disney ernsthaft das Wasser reichen kann, wird es noch etwas dauern, muss das Team zusammenbleiben und Erfahrung sammeln. Denn beim Trickfilm entwickeln sich Stile nicht über Nacht. Und vielleicht hat auch Bodil Heinemeier dann ihr Traumziel erreicht, und es zum "lead animator" gebracht: "Ich will diejenige sein, die die Leute anrufen."</P> 

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