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Parallelwelt Autobahn: Regisseur Philipp Leinemann erzählt in „Transit“ vom Alltag auf deutschen Schnellstraßen.

28.Filmfest in München: Heimspiele im Kino

Am Freitag startet das Münchner Filmfest. Für Regisseure aus der Stadt ist das die ideale Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzustellen. Doch das Heimspiel ist alles andere als selbstverständlich.

Jeder, der Uli Maass, den Verantwortlichen für die deutschen Kinofilme beim zweitgrößten deutschen Filmfestival, kennt, weiß, dass bei seiner Auswahl Kalkül oder Gefälligkeit keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Er legt Wert darauf, nicht in den Verdacht des Dünkels zu geraten. Wenn also bei der 28. Filmfest-Ausgabe auffallend viele Regisseure aus der Stadt vertreten sind, spricht das sehr für die Qualität des Filmstandorts München: Elf Einheimische zeigen heuer hier ihre Filme, angefangen bei Ralf Westhoff, der ein Exot in der deutschen Reihe ist: Der ehemalige Nachrichtenredakteur des Radiosenders Antenne Bayern kündigte vor zehn Jahren seinen Job und verkaufte sein Auto, um seinen ersten Kurzfilm drehen zu können. Der Mut zahlte sich aus. „Der Plan des Herrn Tomaschek“ gewann zahlreiche Preise und ermöglichte Westhoff seinen ersten Spielfilm „Shoppen“. Diese warmherzige Satire rund ums Speed-Dating wurde 2007 zum Überraschungserfolg, den rund 340 000 Menschen im Kino sahen.

Mit „Der letzte schöne Herbsttag“ widmet sich Westhoff wieder Männern, Frauen und dem Wahnsinn, der beide verbindet. Zweifellos zählt dieser Film zu den Geheimtipps des Festivals und zu den Favoriten für den renommierten Förderpreis Deutscher Film, der hier verliehen wird. Einen völlig anderen Werdegang hat Sebastian Stern, dessen Debüt „Die Hummel“ beim Filmfest Weltpremiere feiert. Stern hat an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) studiert und schon mit Kurzfilmen auf sich aufmerksam gemacht. In seiner bittersüßen Tragikomödie „Die Hummel“ erzählt er versiert von einem Kosmetik-Vertreter, der Ex-Freundinnen kontaktiert, um seine Produkte zu verkaufen. Ebenfalls für den Förderpreis nominiert ist „Die Hummel“ auf jeden Fall eine Entdeckung des Festivals.

Einen Blick lohnt auch „Transit“ vom HFF-Absolventen Philipp Leinemann, der beeindruckend lebensnah vom Alltag auf deutschen Autobahnen erzählt. Leinemann, der vor seinem Filmstudium selbst fünf Jahre als Fernfahrer unterwegs war, gelingt eine tolle Bestandsaufnahme der Parallelwelt am Rand der Autobahnen.

Der heimliche Star unter den Münchnern ist eine Frau: Fatima Abdollahyan hat mit ihrer fesselnden Doku „Kick in Iran“ international bereits für Aufsehen gesorgt (wir berichteten). In prägnanten Bildern schildert die Tochter iranischer Eltern den Kampf der ersten iranischen Olympionikin um Anerkennung. Über drei Jahre hat Abdollahyan eine iranische Kickboxerin begleitet und verblüffende Einblicke gewonnen.

Trotz seiner 38 Jahre kann man Christoph Hochhäusler als Film-Veteran bezeichnen: Er erzählt in „Unter Dir die Stadt“ von der Macht der Manipulation. Und auch Alexander Adolph darf als einer der etablierten heimischen Filmemacher gelten. Mit „Der letzte Angestellte“ drehte er einen Psychothriller – und erinnert an große asiatische Vorbilder. Die Geschichte eines Juristen, der sich vom Geist einer Frau verfolgt fühlt, beunruhigt durch ihre paranoide Atmosphäre und das Gefühl totaler Isolation. In dieselbe Richtung zielt „Morgen das Leben“ von Alexander Riedel, der präzise die Schicksale dreier Menschen begleitet, die hilflos von den Zeitläuften mitgerissen werden.

Obwohl Baran bo Odar ursprünglich aus der Schweiz und Phillipp J. Pamer aus Südtirol kommt, kann man sie zu den Münchnern rechnen. Beide haben hier ihr Filmstudium absolviert. Während bo Odar in „Das letzte Schweigen“ stimmig und bedrückend das Verschwinden eines Kindes thematisiert, taucht Pamer in „Bergblut“ kühn in die Geschichte ein und zeigt die Umwälzungen des frühen 19. Jahrhunderts in den südtiroler Alpen. Mit epischem Anspruch und bildgewaltig erzählt, könnte sein Film Favorit beim Förderpreis sein.

Den hat Lorenz Knauer nicht mehr nötig. Seit 30 Jahren im Geschäft, dokumentiert er in „Jane’s Journey“ das Leben der Affenforscherin Jane Goodall, die in München den Film vorstellen wird. Ein anderer alter Hase ist Robert Fischer, der nicht nur die französische Reihe des Filmfestes zusammenstellt, sondern selbst Filmemacher porträtiert. Beim Festival zeigt er „Von der Liebe und anderen Zwängen“, ein Film über Rainer Werner Fassbinder.

Die Münchner Regisseure decken heuer also fast das gesamte Spektrum des Filmschaffens ab. Ein Besuch lohnt daher nicht nur aus Lokalpatriotismus.

Zoran Gojic

Filmfest-Karten unter Tel. 089/ 480 98 97 300.

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