36-mal vorsprechen, 36-mal durchfallen

- Wahrscheinlich muss man selbst Schauspieler sein, um sich wirklich vorstellen zu können, was das bedeutet: im Rampenlicht stehen, ausgeliefert sein. 36-mal vorsprechen, 36-mal durchfallen an allen Schauspielschulen der Republik. Und es trotzdem wieder versuchen. Spielen müssen. "Die Spielwütigen" heißt so, weil man es nicht besser sagen könnte. Spielwut, die so stark ist, dass man zwischen Begabung und Sucht, Passion und Wahnsinn nicht mehr scharf trennen kann. Heute spielt Stephanie Stremler, die 36-mal Abgewiesene, am Berliner Ensemble und am Kasseler Staatstheater. Stremler ist eine von vieren, die wir näher kennen lernen.

<P>"Die Überlebenden" und "Black Box BRD" machten Andres Veiel bekannt. Jetzt also etwas anderes, jedenfalls auf den ersten Blick: keine historische Rekonstruktion, sondern Gegenwart pur. Mit 20 von 200 Kandidaten, die sich 1996 an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst (HfS) Ernst Busch beworben haben, fing Veiel an. Zehn wurden angenommen, vier von ihnen begleitete und beobachtete er über sieben Jahre lang bis zu den ersten Engagements. 250 Stunden Film wurden verarbeitet. Das Ergebnis ist mehr als eine Dokumentation. Selbst Drama, höchst subjektiv, in schnellen, suggestiven Schnitten, dann wieder langen, nicht weniger suggestiven Einstellungen rhythmisiert - eine gute Dokumentation ist wie ein Spielfilm immer pointiert, persönlich, inszeniert. Ein faszinierendes Dokument: Junge Menschen werden erwachsen und finden zu sich selbst. Zugleich erhält man intime Einblicke in das Schauspielhandwerk und die nicht immer sympathischen und wohl oft unnötigen Psychospielchen der Lehrer. <BR><BR>So lässt sich "Die Spielwütigen" im gleichen Moment als Hymne auf einen Beruf und eine hervorragende Ausbildung verstehen - wie als Kritik an einer Disziplinierungsanstalt, die glaubt, ihr Ziel nur erreichen zu können, indem sie die jungen, frisch aufgenommenen Menschen zunächst einmal bricht. Später dürfen diejenigen, die das überstehen, dann als Erfolgsbeweis der Ernst-Busch-Schule herhalten. Dadurch wird auf den zweiten Blick auch klar, was Andres Veiel an diesem Thema besonders interessiert. Alle seine Filme handeln vom Überleben, sind Entwicklungsromane, basierend auf der Überzeugung, dass das Extrem mehr Wahrheit zeigt als der Normalfall.<BR><BR>Was ist wesentlich im Leben? Diese Frage und der unbedingte Wille, eine Antwort zu finden, haben die vier Spielwütigen mit den Selbstmördern, dem Banker und dem Terroristen aus Veiels früheren Filmen gemeinsam. <BR><BR>(In München: Theatiner, Atelier.)<BR><BR>"Die Spielwütigen"<BR>mit Constanze Becker, Prodromos Antoniadis, Stephanie Stremler, Karina Plachetka<BR>Regie: Andres Veiel<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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