Abgründe des Soulman

- Die charakteristischste Anekdote über Ray Charles stammt von Robbie Robertson, dem Gitarristen von Bob Dylans Begleitband. Zufällig beobachtet Robertson, wie der angebetete Ray Charles sich in einem Studio darauf vorbereitet, ein Lied aufzunehmen. Der Produzent spricht Charles unvermittelt an, und der blinde Soulman schlägt dem Mann mitten ins Gesicht. Weshalb, weiß Robertson nicht, aber er ist beeindruckt, dass sich Charles nicht so benimmt, wie man es von einem Blinden erwartet und _ noch imposanter _ nach Gehör punktgenau die Nase seines Gegenübers trifft.

<P>So darf man sich also Ray Charles vorstellen: virtuos, rau und unberechenbar. Vielleicht konnte er nur so als armer, schwarzer und blinder Junge aus dem Süden der USA zu einem der größten Stars der populären Musik aufsteigen. Regisseur Taylor Hackford hat Charles mit "Ray" ein filmisches Denkmal gesetzt. <BR><BR>Als Hackford das Werk beim Festival in Toronto im September letzten Jahres erstmals präsentierte, war er zwischen Euphorie und Enttäuschung hin- und hergerissen. Zwar hatte er nach 15 Jahren endlich sein Traumprojekt realisiert, aber der Mann, dem es gewidmet war, konnte nicht mehr dabei sein: Ray Charles war am 10. Juni 2004 gestorben. Man hätte gerne gewusst, was die Soul-Ikone zu dieser Biografie gesagt hätte, die ihm und seinem musikalischen Genius huldigt, aber dennoch weit davon entfernt ist, eine verklärende Heiligenlegende zu sein. Denn die bewegende Geschichte eines geborenen Außenseiters, der eine märchenhafte Karriere als musikalische Wetterboje des 20. Jahrhunderts macht, ist mit bitteren Momenten durchsetzt. <BR><BR>Immer wieder zeigt der Film die Kehrseite des eisernen Willens und der einzigartigen Begabung: Rücksichtslosigkeit und Narzissmus, die sich unter anderem in notorischer Untreue und Drogensucht niederschlugen. Auch davon wird offen erzählt. Beachtlich daran ist nicht zuletzt, dass Ray Charles dem Drehbuch seinen Segen gegeben hatte. Mehr noch: Er hat seine Musik für bestimmte Sequenzen neu eingespielt und so dem phänomenalen Hauptdarsteller Jamie Foxx eine aufsehenerregende Vorstellung ermöglicht. Denn die neuen Versionen erlauben Foxx bei Konzertszenen, einen Musiker bei der Arbeit darzustellen, und zwingen ihn nicht, sich an die Vorgaben alter Platten zu halten. Jamie Foxx ist die Seele dieses Films. Er sieht Charles nicht nur ähnlich, er absorbiert ihn förmlich. Wie er sich bewegt, redet, lacht und Klavier spielt, ist schon gespenstisch gut getroffen. Und Foxx, der seine Laufbahn als Komiker begonnen hat, gelingt es, die irritierenden Abgründe von Charles' Charakter glaubhaft und mit verschmitzter Sympathie auszuleuchten, ohne Künstler-Klischees zu bedienen. Foxx' musikalische Ausbildung mag ihm geholfen haben, sich in die komplizierte Persönlichkeit von Ray Charles hineinzuversetzen. Auf jeden Fall etabliert diese atemberaubende Vorstellung Foxx als neuen Superstar und macht "Ray" zu einem außergewöhnlichen Film über einen außergewöhnlichen Menschen. </P><P>(In München: Mathäser, Maxx, Sendlinger Tor, Atlantis und Cinema i.O.)<BR><BR>"Ray"<BR>mit Jamie Foxx, Kerry Washington<BR>Regie: Taylor Hackford<BR>Hervorragend<BR> </P>

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