Abseits der Normalität

- Ein Gesicht wie eine Landschaft: weit, hell, auf einen Blick nicht zu erfassen, je nach Lichtstimmung von ganz anderem Charakter. Eine Ärztin versucht, darin zu lesen: Karen, 24, hat Depressionen. In dem Film "Identity Kills" kehrt sie nach einem Psychiatrie-Aufenthalt gerade ins "normale" Leben zurück, das eigentlich ein völlig absurdes ist.

<P>In München ist den Besuchern des Volkstheaters das Gesicht dieser Karen wohlbekannt: Brigitte Hobmeier leiht es ihr. Im jungen Ensemble ist sie eine der stärksten Schauspielerinnen, im vergangenen Jahr erhielt sie den Merkur-Theaterpreis.</P><P>Film ohne Drehbuch</P><P>Unheilvoll schillernd spielt sie die Geierwally, rüde und kraftstrotzend den weiblichen Spiegelberg in Schillers "Räubern", so niedlich wie nachdrücklich die Viola in Shakespeares "Was ihr wollt". Und nun befremdend, verletzlich und verschlossen diese Karen. Auf dem International Contemporary Filmfestival in Mexico City wurde sie als beste Schauspielerin für diese Rolle ausgezeichnet: zu Recht, so wie sie mit dunkel schwingender Stimme Karens Ziellosigkeit Klang verleiht, wie sie Auge, Zunge, Lippen, Finger - am Mund fieselnd - mitspielen lässt.</P><P>Sören Voigts extravaganter Spielfilm beruht auf einer wahren Begebenheit, entsteht jedoch Szene für Szene aus den Improvisationen der Schauspieler. Ein Drehbuch gibt es nicht. Und das macht den besonderen Reiz aus. Brüchig ist die Erzählweise, abrupt sind die Szenenwechsel mit kurzem Schwarzbild dazwischen, unplausibel entwickelt sich die Handlung. Trotzdem kann man dem Film seine krude Machart nicht vorwerfen: Sie forciert die Perspektive der psychisch labilen Persönlichkeit. Karens Krankheitssymptome zeigt der Film nicht. Er interessiert sich nur für ihren Versuch, im Alltag mit Freund Ben, in der gemeinsamen Wohnzelle im Betonsilo einer deutschen Großstadt, ihre Identität wiederzufinden. Ben nutzt ihre Schwäche mitleidlos aus. Er lässt, zu Karens Unbehagen, seine Ex-Freundin für eine Weile einziehen, kauft sich von Karens heimlichen Ersparnissen einen ganzen Hifi-Hausaltar. Trotz Heirat - im Hawaiihemd auf dem Standesamt - ist Karen für ihn ein unbekanntes Wesen. So jedenfalls nimmt man es aus ihrem Blickwinkel wahr.</P><P>Die authentische, laute Geräuschkulisse vergrößert die Verlorenheit dieser Figur ins Überdimensionale. Mit Gewalt, planlos und nur aus zufälligen Begebenheiten heraus, versucht Karen, die Identität einer fremden Person an sich zu reißen: Weil sie weder die Chance hat, in der Dominikanischen Republik - hier ein Sehnsuchtsort - zu arbeiten, noch sich dort einen Urlaub leisten kann, lockt sie eine Fremdsprachen-Sekretärin in die Falle, spielt ihr eine Berufsaussicht in der Karibik vor, tötet sie und reist an ihrer Stelle dorthin. Obwohl es in der Realität gar keinen Job für sie gibt. Nicht die Festigung einer Identität, das Ende einer psychischen Erkrankung zeigt der Film, sondern erst deren Anfang. Ein Film, der unter die Haut geht und seine Betrachter nicht so schnell in die Normalität entlässt. (In München: Werkstattkino, bis 24. März).</P><P>"Identity Kills"<BR>mit Brigitte Hobmeier,<BR>Daniel Lommatzsch<BR>Regie: Sören Voigt<BR>Sehenswert</P>

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