Der Abstieg in die Hölle

- Laute Musik. Spielt das Mädchen, das da an der Straße rennt? Doch dann entdeckt man die Tränen, sieht die ganze Verzweiflung. Und das Blut. Hektische Handkamerabilder verstärken den Eindruck von Panik und Not. Genau wie die Musik der Hardrock-Band Rammstein: "Mein Herz brennt" - Lilja ist am Ende. Sie steht an der Brücke über der Autobahn. Soll sie springen?

<P>Selten nimmt man an einer Filmfigur solchen Anteil wie an Lilja. Bei dieser Passionsgeschichte gerät man als Zuschauer in Versuchung, laut zu rufen: Tu' das nicht! Vorsicht! </P><P>Doch immer geht es noch eine Stufe tiefer. Ein unaufhaltsamer Abstieg in die Hölle. Erst in den letzten Bildern wird sich die Szene des Anfangs aufschlüsseln, werden wir sehen, ob Lilja springt oder nicht.</P><P>Zuvor zeigt Lukas Moodyssons unbedingt sehenswerter Film "Lilja 4-ever", wie es dazu kam. Es ist eine klare, gute Geschichte, konsequent erzählt; zweifellos ein Melodram, dabei immer von Ernst durchzogen. Fast traumartig, erinnert es manchmal an die Filme Robert Bressons, mit dem "Lilja 4-ever" auch die religiöse Ebene teilt. </P><P>Bekannt wurde der Schwede Moodysson, den Ingmar Bergman zu den besten Filmemachern der Gegenwart zählt, mit den fröhlich-sensiblen Filmen "Fucking Amal" und "Zusammen!". Schon hier erwies er sich als Filmautor mit besonderem Gespür für die Akteure und das Darstellen jugendlicher Innenansichten. Ihnen erscheint die Welt der Erwachsenen als Albtraum.<BR><BR>Seine neueste Heldin Lilja ist eine 15-jährige Russin. Von dem, was einst die Sowjetunion war, existieren nur noch Ruinen. Das Gelobte Land heißt Amerika. Auch Liljas Mutter will dorthin und verlässt dafür sogar ihr Kind. Im Gesicht der zurückgelassenen Lilja meint man eine Vorahnung zu entdecken, das geheime Wissen darum, dass dies alles nicht gut ausgehen kann.</P><P> Umso eindringlicher wirkt Liljas ungebrochener Glückshunger, ihr kindliches Hoffen und ihre engelsgleiche Unschuld - gerade weil immer das Schlimmstmögliche passiert: Lilja vereinsamt, verarmt, wird vielfach betrogen und landet schließlich als Hure in Schweden.<BR><BR>Manches dauert dabei ein bisschen zu lange. Aber dafür entschädigt das großartige Spiel der entzückenden Oksana Akinshina. Stilistisch ist "Lilja 4-ever" am Beginn wie ein Popmovie, später immer karger und konzentrierter. Stets bleibt Moodysson ganz nahe an seiner Figur, in deren Gesicht sich die Kamera immer wieder einmal für Sekunden vertieft. Irgendwann ist Lilja am Ende. Und steht an der Brücke. "Mein Herz brennt!"</P><P>(In München: ABC, Atlantis.)<BR><BR>"Lilja 4-ever"<BR>mit Oksana Akinshina,<BR>Pawel Ponomarjow<BR>Regie: Lukas Moodysson<BR>Hervorragend </P>

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