Absturz jederzeit möglich

- So viel Fußball wie in den Wochen vor der WM war hier noch nie. Auch das Kino nutzt die Konjunktur des Lederballs, wenngleich nicht immer so amüsant und aufschlussreich wie in "Gib mich die Kirsche! - Die 1. deutsche Fußballrolle". Die Regisseure Oliver Gieth und Peter Hüls haben sich die Frage gestellt: Was kam nach dem Wunder von Bern?

1954, als der erste WM-Titel eine noch von der Kriegsniederlage traumatisierte Nation unverhofft glücklich machte, war Fußball in Deutschland noch Volkssport - und mancher Kicker eher dürftig bezahlt. Dass heute die Talente Millionensummen kassieren, hängt entscheidend mit der Einführung der Bundesliga 1963 zusammen. Deshalb präsentiert die Dokumentation auch jene an Erfolgen überreiche Epoche des deutschen Fußballs zwischen dem Bundesligastart 1963 und dem Gewinn des zweiten WM-Titels beim Turnier im eigenen Land 1974.

Es gibt viel zu lachen und zu schmunzeln bei diesem nostalgischen Rückblick auf einen Abschnitt der Sportgeschichte, der zugleich auch die Kulturgeschichte der Bundesrepublik widerspiegelt. Denn Fußball ist Massenkultur, damals noch mehr als heute. Das wird im Film durchaus angemessen reflektiert, wenn immer wieder Fans aus dem Volk zu Wort kommen. Doch natürlich sind die Hauptfiguren von "Gib mich die Kirsche!" die Lichtgestalten jener Zeit, also Seeler, Beckenbauer, Müller und Netzer. Gewidmet ist der Film gleichwohl zwei berühmten Fußballern, die von unten kamen, nie am Glamour der Prominenz teilhatten und die früh starben: der Kaiserslauterer Verteidiger Werner Kohlmeyer aus der Elf von 1954 und Stan Libuda, einst vergöttertes Flankengenie aus dem Ruhrpott.

Kürzlich hat ein aktueller deutscher Nationalspieler seinen Beruf als Profi mit dem eines römischen Gladiators verglichen. Zwar wartet gewiss nicht der Tod auf die Männer in den kurzen Hosen, sondern Ruhm und jede Menge Geld. Aber der Absturz in die Bedeutungslosigkeit ist jederzeit möglich. Was schwerer wiegt: Die Distanz zwischen den Akteuren und den Fans ist inzwischen riesengroß geworden.

Das war zu Beginn der Bundesliga schon deshalb ganz anders, weil selbst so populäre Nationalhelden wie Uwe Seeler noch einen Beruf ausüben mussten, um über die Runden zu kommen. Und damals konnte der junge Franz Beckenbauer ohne jede Verstellung in die Kamera sagen, er könne sich nicht vorstellen, nach Beendigung seiner aktiven Laufbahn noch etwas mit Fußball zu tun zu haben. Warum und wie es ganz anders gekommen ist, zeigt dieser höchst empfehlenswerte Film. (Ab morgen in München Maxx.)

"Gib mich die Kirsche!"

Regie: Oliver Gieth, Peter Hüls

Sehenswert

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