Absurd, nicht böse

- Ein wunderbarer Anfang: Man sieht sie alle vor der Kamera, bevor sie in ihre amtliche Rolle schlüpfen und das Regierungshandeln rechtfertigen, beim Schminken, Kämmen, Grimassieren: Wolfowitz, Cheney, Rice, Rumsfeld, Ashcroft, und immer wieder Bush. "Ready for the Show!" Mit "Fahrenheit 9/11" hat Michael Moore eine Dokumentation gedreht, die zugleich beklemmende Innenansicht der USA und Pamphlet ist. Thema: die vier Jahre unter George W. Bush. Moral: Die USA werden regiert von einer Clique von Reichen, deren einziges Ziel darin besteht, noch reicher zu werden und ihre Macht zu sichern.

<P>Dafür gehen sie über Leichen, nicht zuletzt die ihrer Landsleute, jener Soldaten aus den Armenvierteln der US-Metropolen, die als Kanonenfutter für Bushs Kriege dienen. Und dafür unterhält Bushs Familie sogar mit dem saudischen Königshaus exzellente Beziehungen, wohl wissend, dass es Hauptfinanzier des islamischen Terrorismus ist. Die meisten seiner Vorwürfe kann der Regisseur, der vor zwei Jahren mit "Bowling for Columbine" bekannt und mit seiner berühmten Oscarpreisrede - "Shame on you, Mr. Bush!" - zum Star und zum Heiligen aller Bush-Gegner wurde, im Übrigen gut belegen.</P><P>Doch der Film lebt nicht von den großen Thesen, sondern von einzelnen konkreten Eindrücken. Anfangs macht sich Moore noch lustig über Bush. Immer ist sein Film brillante Satire: schockierend und sarkastisch zugleich, voller ätzender Kritik und Emphase, voller Witz. Doch wenn es zum Irak-Krieg kommt, wird der Ton anders. Schärfer. Es trifft einen in die Magengrube, wenn Moore den Song spielt, den die Soldaten im Kampf am liebsten hören: "Burn motherfuckers, burn." Eine Mutter beobachtet, die den letzten Brief ihres getöteten Sohnes vorliest. Verkrüppelte und traumatisierte US-Soldaten zeigt. Eine weinende irakische Mutter, ein Schnitt auf Britney Spears, die sagt: "Wir sollten unserem Präsidenten einfach vertrauen."</P><P>Besonders gelungen die Musik. Etwa Bush auf dem Flugzeugträger, den Sieg erklärend. Dazu läuft der Song "Believe it or not". Solche streckenweise wie ein Videoclip gedrehten Bilder sind sehr suggestiv, aber nie gelogen oder auch nur halb wahr: Moore ist ein Moralist, und deswegen gehört er zum Besten, was das Weltkino zu bieten hat. Am stärksten ist sein Moralismus, wo er mit kühler, für ihn untypischer Sachlichkeit inszeniert.</P><P>Andererseits könnte man auch sagen, Moore verniedlicht das Böse. Er zeigt die Verhältnisse in ihrer Absurdität, aber nicht in ihrer Bosheit. Es gibt, eigentlich skandalös, kein Wort zu Guantanamo. Obwohl doch hier die Idee der Menschenrechte - die auch Donald Rumsfeld noch bewahrt, wenn er die neuesten Folterfälle nicht entschuldigt -, vollends preisgegeben wird. Insofern ist "Fahrenheit 9/11" kein perfekter Film, vielmehr das parteiische Pamphlet eines linken Patrioten, in gewissem Sinn "typisch amerikanisch" und im Gestus dem Sendungsbewusstsein des Präsidenten Bush junior viel verwandter, als es auf den ersten Blick scheint.</P><P>Doch immer wieder besticht der Film schlicht durch das, was er zeigt: ungesehene, oft beklemmende, manchmal witzige, zumeist berührende Bilder. In seinen besten Momenten ist "Fahrenheit 9/11", dessen Titel von Franç¸ois Truffauts Orwell'scher Vision "Fahrenheit 451" inspiriert ist, aber eine höchst elegante Totalitarismus-Studie. (In München: Mathäser, Maxx, City, Atlantis, Cinema.)</P><P>"Fahrenheit 9/11"<BR>Regie: Michael Moore<BR>Hervorragend</P>

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