Action mit Salzfass

- Schuld an allem ist eine schwedische Studie aus den 50er-Jahren. Sie besagt, dass eine Hausfrau im Verlauf eines Jahres in der Küche durch viel unsinniges Hin-und-Herlaufen die Distanz von Schweden bis in den Kongo zurücklegt. Das ist zu weit, entscheiden die Fachleute und machen sich daran, neu angeordnete Küchenmöbel zu entwerfen. Um diese Erkenntnisse aber komplettieren zu können, muss man auch die Randgruppe der allein stehenden Männer berücksichtigen, erklärt der Direktor des schwedischen Haushaltsinstitutes.

<P>Also schwärmen seine Angestellten aus in die stille Schneelandschaft. Sie sollen sich bei den in dieser dörflichen Abgeschiedenheit lebenden Junggesellen einquartieren und ihr Küchenverhalten dokumentieren und analysieren. Mit Wohnwagen und Hochsitz ziehen die Beobachter los, um den ortsansässigen Singlemännern dabei zuzusehen, wie oft sie zwischen Herd, Spüle und Küchentisch hin-und-herlaufen. Einer der Observateure ist Folke (Joachim Calmeyer), ein vorgealterter Mann Ende vierzig, der bislang sichtlich wenig Spaß im Leben hatte. Er soll den kauzigen Bauern Isak (Tomas Norström) beobachten, doch der lässt sich nicht als Versuchskaninchen missbrauchen.<BR><BR>Allein die eigentlich so schlichte Geschichte zaubert dem Zuschauer bereits ein leises Schmunzeln ins Gesicht. Aber es wird noch besser, denn "Kitchen Stories" ist weit mehr als ein stimmungsvolles, liebenswürdiges Kammerspiel rund um zwei alte knurrige Kerle und ihre täglich neuen Gemeinheiten. Es menschelt stark, und die vom Haushaltsinstitut eindeutig untersagte Fraternisierung zwischen Testperson und Beobachter findet selbstverständlich statt. Augenzwinkernd zeigt Regisseur Bent Hamer die subtilen Versuche alltäglicher Subversion. Mit viel Liebe und Herz fürs Detail beschreibt er die langsame, zarte Annäherung der beiden Männer. Geredet wird nicht viel, und die einzige Actionszene ist jene, in der Folke das Salzfass von Isak aufs falsche Regal stellt. Trotzdem gelingt es Hamer, seine Zuschauer 95 Minuten lang zu fesseln.<BR><BR>Das liegt an den großartigen Darstellern, die auf den zweiten Blick so viel mehr können, als nur grimmig schauen. Das liegt auch an den prägnanten, treffenden Bildern und Situationen, die Hamer in diesem pastellfarbenen, perfekt durchkomponierten Kino-Wunder aneinander reiht. Und das liegt letztlich vor allem an der hinreißend skurrilen Geschichte über das Entstehen von Freundschaft und an der universellen Erkenntnis, dass es dem Menschen einfach widerstrebt, alle seine Handlungen auf Effizienz hin katalogisieren zu lassen. </P><P>- läuft  hier im Kino<BR></P><P>"Kitchen Stories"<BR>mit Joachim Calmeyer,<BR>Tomas Norström<BR>Regie: Bent Hamer<BR>Hervorragend</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“
München - Kirill Serebrennikov verfilmte mit „Der die Zeichen liest“ Marius von Mayenburgs Theaterstück „Märtyrer“. Hauptthema: Jugendliche und die Bibel.
Satire auf selbstgefällige Frömmler - Filmkritik zu „Der die Zeichen liest“

Kommentare