Aktenkoffer verdrängt Handtasche

- Um Macht und Moral geht es in den Filmen von Claude Chabrol. Da bildet auch das Alterswerk "Geheime Staatsaffären" keine Ausnahme. Präzise wie schon lange nicht mehr setzt Chabrol die Hauptfiguren in Szene: Die energische Richterin Jeanne Charmant-Killmann (Isabelle Huppert) etwa tritt bei der ersten Vernehmung eines Angeklagten mit Ehrfurcht gebietenden, knallroten Lederhandschuhen auf und einer exakt im Farbton dazu passenden, großformatigen Luxus-Handtasche.

Wenn sie damit hantiert und gleichzeitig mit knappen Worten den ehemaligen Chef einer einflussreichen Firmengruppe des Betruges in zahlreichen Fällen überführt, sagt das einiges über Charmant-Killmanns Charakter aus. Über ihre Arroganz, ihren Machtanspruch, ihre Herkunft und ihren Ehrgeiz, die Wahrheit aufzudecken und in dieser Bestechungsaffäre die Drahtzieher aufzuspüren.

Machtspiele im Herrenclub

Doch die Handtaschen verlieren an Farbe im Laufe der Ermittlungen, gewinnen aber an Umfang hinzu, bis sie schmucklosen Aktenkoffern gewichen sind. Mit der Farbe der Handtaschen ist die anfangs noch recht schwungvolle Jeanne ihres Elans verlustig gegangen. Ihrer Machtbefugnisse auch. Schuld an beidem tragen die grauhaarigen Anzugträger, die abends im Herrenclub bei dicken Zigarren die eigentliche Machtverteilung im Lande vornehmen.

Madame Charmant-Killmann betrachten sie nach anfänglichen Irritationen nur noch als lästige Störung ihrer Intimsphäre. Betrug, Bilanzfälschung, Veruntreuung von öffentlichen Geldern sind die Delikte, denen Charmant-Killmann hinterher jagt. Immer besessener wird sie dabei, das eigene Privatleben an der Seite des depressiven Ehemanns bleibt auf der Strecke. Als gewitzte Richterin ist sie über die Familienverhältnisse ihres jeweiligen Gegenübers stets gut informiert. Die allerdings auch über ihre, und genau dort setzen die Kerle aus dem Herrenclub an, als sie die furchtlose Schnüfflerin mundtot machen wollen.

Vieles in "Geheime Staatsaffären"erinnert an den Skandal um die Mineralölgesellschaft Elf Acquitaine in den Neunzigern. Chabrol, der zynische Chronist der besseren französischen Gesellschaft, betont jedoch die Fiktion seines Politthrillers. Parallelen zwischen Film und Realität gibt es dennoch - von den geldgierigen Managern bis hin zur Figur der energischen Untersuchungsrichterin genügend, was dem wie üblich im zeitlos-pittoresken Großbürgertum angesiedelten Film eine unerwartete Aktualität verleiht.

Ansonsten sieht alles so aus wie immer: Personen, Kostüme, Kulissen erscheinen austauschbar mit jedem anderen Opus des Meisters aus den vergangenen zehn Jahren. Zum siebten Mal Isabelle Huppert als Hauptfigur, zum x-ten Male ist auch wieder der janusgesichtige Schönling mit von der Partie, diesmal gespielt von Patrick Bruel. Chabrol hätte seine Co-Autorin Odile Barski nicht nur die Hälfte, sondern gleich das ganze Drehbuch schreiben lassen sollen. Dem mittlerweile arg arrivierten Genre des Chabrol-Films würde frisches Blut wirklich gut tun.

(Ab morgen in München: Filmcasino, Münchner Freiheit, Eldorado, Cinema i.O., Theatiner i.O.)

"Geheime Staatsaffären"

mit Isabelle Huppert, Patrick Bruel

Regie: Claude Chabrol

Annehmbar ***

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Los Angeles - Nach einem Tierquälerei-Skandal sind die Premiere und Pressetermine zu dem Hundefilm „Bailey - Ein Freund fürs Leben“ kurzfristig abgesagt worden.
Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

Kommentare