Alle gegen alle

- Mit dem Begräbnis einer jungen Frau beginnt der Film. Und es werden noch viele Tote folgen in dieser mittelalterlichen Blutoper, die Regisseur Ridley Scott hier mit vereinten Kräften der Computertechnik und Bühnenbaukunst auf die Leinwand gewuchtet hat. Vorsicht ist geboten, wenn einem opulent ausgestattete Monumentalschinken aufgetischt werden, in denen für eine angeblich gute Sache klaglos gestorben wird. Keine Sache, das hat die Geschichte gelehrt, war so gut, dass sie berechtigt zahllose Menschenleben fordern durfte. Kein Herrscher hat die Weltformel der ewigen Seligkeit je gefunden.

<P class=MsoNormal>Ridley Scott, der mit "Gladiator" einen Boom der historischen Kinostoffe auslöste, entführt die Zuschauer diesmal ins tiefste Mittelalter. 1184 ist es, als im Wolken verhangenen Frankreich der Schmied Balian (Orlando Bloom) seine bereits erwähnte Gemahlin zu Grabe trägt. Doch die Trauer währt nicht lange. Ein Kreuzritter (Liam Neeson) steht vor der Tür, gibt sich als Vater Balians aus, und flugs begleitet der brave Handwerker den alternden Recken und seine Waffen klirrenden Mannen nach Jerusalem. Den leprakranken König Balduin gilt es dort zu unterstützen gegen die glutäugigen Muselmänner. </P><P class=MsoNormal>Man muss es Ridley Scott hoch anrechnen, dass er bei der Schilderung der damals alles bestimmenden Gegensätze von Islam und Christenheit nicht in die abgeschmackten Bilder vom Krummdolch schwingenden Turbanträger fällt, die man aus ähnlich gearteten Epen kennt. Doch trotz gewisser Differenzierungen gerät "Königreich der Himmel" rasch von der sorgfältig abgebildeten Historie zur simplen Schlachtenstory. Da kämpfen alle gegeneinander - Kreuzritter gegen Sarazenen, gemäßigte Ritter gegen fanatische Templer, der eifersüchtige Ehemann gegen den heißblütigen Liebhaber. Es klirren die Schwerter, es glühen die Schilde und Männerschweiß wie Blut fließen in Strömen.</P><P class=MsoNormal>Der Rest ist zu schnell erzählt, um sich mit den Charakteren vertraut machen zu können, und viele Handlungen der Figuren erscheinen psychologisch unmotiviert, nicht nur aus heutiger Sicht. Jeder Kostümschinken hat zumindest eine scheinbare aktuelle Relevanz. Oliver Stone deutete unlängst Alexander den Großen in seiner ureigenen, verschwurbelten psychoanalytischen Sicht. Scott betont hier das vergangene Jerusalem als Königreich der Himmel, als Ort, an dem Menschen aller Glaubensrichtungen in multikultureller Gemeinschaft lebten. Das mag aus moderner Perspektive eine Deutung sein. Historisch korrekt ist sie nicht, denn wenig dürfte den Kreuzfahrern des Mittelalters so fremd gewesen sein wie der heute strapazierte Begriff der Toleranz. Und der religiöse Wahn der Templer hat mit dem muslimischen Fanatismus von heute wenig gemein.</P><P class=MsoNormal>Das Problem jenseits des Drehbuchs ist allerdings Orlando Bloom. Wie Russell Crowe in "Gladiator" soll Bloom hier den gesamten Film tragen. Gemetzel reiht sich an Gemetzel, das war im "Gladiator" ähnlich, doch einem sehr physischen Schauspieler wie Crowe wie auf den athletischen Leib geschrieben. In "Königreich der Himmel" erweist Scott seinem Helden Bloom keinen Gefallen, wenn er ihn ständig alleine lässt in Kriegsszenen. Auch mit Blutspritzern auf der Rüstung und Schmutz im Bart bleibt Bloom der milchgesichtige Hänfling, dem man das Kommando nicht zutraut. Schon gar nicht, wenn Papa Liam Neeson bereits nach einer halbe Stunde in die ewigen Jagdgründe entschwindet . . . (In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Royal, Cadillac, Autokino, Cinema i.O., Sendlinger Tor, Museum, Cincinnati, Gabriel.) </P><P class=MsoNormal>"Königreich der Himmel"<BR>mit Orlando Bloom, Eva Green<BR>Regie: Ridley Scott<BR>Annehmbar</P>

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