Alle ließen sich ins Bockshorn jagen

- Der dreifache Oscar- Preisträger Oliver Stone (60) gilt wegen seiner Filme wie "Platoon", "JFK" oder "Natural Born Killers" als notorischer Provokateur. In "World Trade Center" befasst er sich mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Der Film startet am kommenden Donnerstag in unseren Kinos.

Was haben Sie gefühlt, als Sie die Bilder der brennenden Türme sahen?

Oliver Stone: Ich hatte das Gefühl, die Amerikaner empfinden das als ultimativen Katastrophenfilm. Es wurde von Anfang an alles übertrieben. Es war einfach ein neues Medien-Ereignis, und alle ließen sich ins Bockshorn jagen. Ich bin ein älterer Herr und sehe das aus einer historischen Perspektive. Ich habe die Ermordung von Kennedy erlebt, den Vietnamkrieg, den Watergate-Skandal und vieles mehr. Wir hatten einige Desaster in den letzten Jahrzehnten. Also habe ich diese Anschläge für mich anders eingeordnet als die meisten meiner Landsleute.

Trotzdem haben Sie den Feldzug gegen Afghanistan befürwortet.

Stone: Ich bin kein Pazifist, es war zu dem Zeitpunkt die angemessene Antwort. Aber man hätte den Krieg dort auch beenden müssen. Nur wollten die ja unbedingt auch noch im Irak einmarschieren. Das Ergebnis ist, dass wir nun noch mehr Terror, Krieg und Angst haben als vor fünf Jahren. Nicht zu vergessen die totale Demontage der Verfassung. Ein furchtbarer Wendepunkt in unserer Geschichte. Ich würde gerne das Amerika wieder haben, das ich von früher kenne. Ich habe das Gefühl, Amerika wurde den Amerikanern gestohlen.

Fühlen Sie sich wie ein Patriot ohne Heimat?

Stone: Ich habe nie an das Konzept von Patriotismus geglaubt. Ich lehne das ab, es führt nur unnötig zu Krieg. Eigentlich ist doch die globale Erwärmung das größte Problem der Menschheit. Aber wir benehmen uns wie Kinder und machen jeden Unfug mit.

Sie betonen, "World Trade Center" sei ein unpolitischer Film -ausgerechnet bei diesem Thema.

Stone: Ich finde, die Anschläge vom 11. September sind zur Genüge politisch missbraucht worden. Ich will zeigen, was an diesem Tag zwei Polizisten passiert ist, die im World Trade Center waren. Die sind da nicht aus politischen Gründen reingelaufen. Das waren gewöhnliche Männer aus der Arbeiterklasse, die ihre Arbeit gemacht haben. Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen: Wie kommt es, dass der Mann, der "JFK" gemacht hat, uns nichts über die politischen Hintergründe des 11. September zeigt? Vielleicht drehe ich so einen Film ja noch. Aber die Menschen brauchen Hoffnung, also erzähle ich die Geschichte von Überlebenden.

Das kam bei der Kritik in den USA gut an, was bei Ihren Filmen sonst nicht der Fall ist.

Stone: Für mich war eigentlich nur wichtig, dass möglichst viele Menschen den Film sehen. Deswegen habe ich einiges abgemildert. Die wahren Zustände der Verschütteten hätte kein Zuschauer ertragen. Bei "Platoon" habe ich das auch so gemacht. Der Krieg ist in Wahrheit natürlich viel schlimmer, als ich ihn in "Platoon" gezeigt habe. Aber wenn ich es noch realistischer gemacht hätte, wäre niemand ins Kino gekommen. Sie haben einen Film über den 11. September gedreht, ohne Osama Bin Laden auch nur zu erwähnen.

Was denken Sie über den Mann, der hinter den Anschlägen steckt?

Stone: Bin Laden mag Gründe haben für seine Meinung über die USA. Er mag es nicht, dass amerikanische Truppen in seiner Heimat stationiert sind, er lehnt das kapitalistische System ab und verurteilt die Unterdrückung der Araber im Nahen Osten. Das sind vielleicht legitime Anliegen. Aber seine Methoden sind inakzeptabel. Unschuldige Menschen töten zu lassen und sich einen Mann Gottes zu nennen -das ist monströs und eine Entstellung des Koran.

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