Vor allem ein Ekelfilm

- Ein kurzes, bedrohliches Krähen, ein Horroreffekt, der an Hitchcocks "Vögel" denken lässt. Einen Augenblick lang sitzt die Krähe ganz ruhig über dem Schächer zur Rechten Jesu. Dann zuckt ihr Schnabel mit einer schnellen Bewegung auf uns zu, hinein in die Kamera - die Krähe hackt uns selbst das Auge aus. Und dies ist nicht das einzige Bild von sonst selten zu sehender Direktheit in diesem Film, aber eines der grellsten. Ein schonungsloser Angriff auf den Zuschauer, der ohne Gnade und Liebe einer einzigen Erfahrung ausgesetzt wird, über und über, immer wieder: dem Schmerz.

<P>Es beginnt bei blauem Licht im Garten Gethsemane. Jesus (Jim Caviezel) betet und spricht zu den Jüngern. Gesprochen wird wie auch später Aramäisch oder Latein, und es bleibt das Geheimnis des Regisseurs, warum manche Sätze untertitelt wurden, andere nicht. Dazwischen sieht man Judas, wie er Jesus an die Hohepriester verkauft. Die honiggoldenen Räume, in denen das geschieht, wirken wie Kulissen aus "Die Mumie kehrt zurück", Gleiches gilt für Kostüme und Bärte der Priester. Die Kamera hält sich immer niedrig und bedeckt - kaum ein Horizont ist zu sehen, dafür viel künstliches Licht.</P><P>Schamlose Bedienung der sadistischen Bereiche</P><P><BR>"Die Passion Christi" trägt alle Merkmale einer Billigproduktion, und die geschmackliche Unsicherheit des Regisseurs tut ein Übriges. In Mel Gibsons Film ist Langeweile, ist das Gefühl gähnender Ödnis die dominierende Erfahrung. Es gleicht der Betrachtung eines Pornofilms: nur ein Minimum an gestalterischem Anspruch, eine unsägliche Naivität des Geschichtenerzählens und bloßes Bebildern des längst Bekannten.<BR><BR>Die Hauptsache aber ist Folter. Immer wieder. Über eine Viertelstunde dauert allein die Szene, in der Christus mit Geißeln traktiert, ihm mit jedem Hieb Fleischbröckchen aus dem Leib gerissen werden. Rot tropft es von der Dornenkrone. Bis zum Ende verliert dieser Christus literweise Kunstblut, bevor es der Römerspeer in seiner Brust noch einmal mit breitem Strahl über die Leinwand spritzen lässt.<BR><BR>Bilder, die keinerlei dramaturgischen Sinn haben, sondern allein Gibsons persönliche Fiktion illustrieren. Man kann sie nicht damit entschuldigen, es handle sich bloß um die üblichen Effekte des Populärkinos - nein: Populärkino funktioniert nach dem Prinzip eines Wechselverhältnisses zwischen Zeigen und Nichtzeigen. Der Ort des eigentlichen Schreckens bleibt der Kopf des Zuschauers. Die Vorstellung ist immer schlimmer, als das, was man sieht. Bei Gibson hingegen sieht man alles. Damit verdient er das Prädikat des Splatterfilms, jener Filme, die - außer in wenigen Ausnahmefällen - im Nirwana der Videotheken landen, wo auch Gibsons Werk landen würde, ginge es nicht um das Zentralereignis einer Weltreligion.<BR><BR>Man sollte nicht darum herum reden: "Die Passion Christi" ist vor allem ein Ekelfilm, vulgär und reaktionär, der auf Voyeurismus setzt, die sadistischen Bereiche unseres Unterbewusstseins bedient, und man möchte lieber nicht so genau wissen, was Mel Gibson eigentlich treibt, wenn er gerade keine Filme macht. Ginge es nicht um vermeintlich Religiöses, wäre der Film nie schon ab 16, sondern erst ab 18 Jahren freigegeben worden - dies ist das Entscheidende für normale Kinogänger. Über das religiöse Für und Wider müssen die Gläubigen selbst entscheiden.<BR><BR>Und Antisemitismus ist nur für diejenigen zu entdecken, die sich mit theologischen Feinheiten befassen. Viel spricht dafür, dass diese Debatte von Gibson selbst zynisch lanciert wurde, um seinen Gewinn zu steigern: "Bad publicity is good publicity." Wer sich aus Neugier dennoch zum Kartenkauf verleiten lässt, sollte zumindest auf eine arge Zumutung gefasst sein. Und vorher besser nicht gegessen haben.<BR><BR>"Die Passion Christi"<BR>mit Jim Caviezel, Monica Bellucci, Maia Morgenstern<BR>Regie: Mel Gibson<BR>Unerträglich </P><P>(In München: Mathäser, Arri, Maxx, Royal, Gloria, Münchner Freiheit, Rio, Tivoli, Cinema, Museum.)<BR></P>

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