Alles ist hier Kulisse

- Liebe und Leben in Zeiten der Bush-Ära: Da geht's nicht zuletzt um viel Geld. Folgerichtig lässt Spike Lee schon die Titel seines neuen Films über leinwandgroße Dollarnoten laufen; die Köpfe der Präsidenten sind zu sehen, sowie der Satz, der auf allen Scheinen steht: "In God we trust." Manchmal hilft wirklich nur noch Gottvertrauen.

<P>Zum Beispiel Jack Armstrong. Zuerst bringt sich ein Kollege um; ein kurzer, aber prägnanter Auftritt für David Bennent. Dann fliegt Jack aus seinem Top-Job, weil man ihm vorwirft, schmutzige Geschäftsgeheimnisse verraten zu haben. Jetzt bekämpft man ihn nach allen Regeln der juristischen Kunst. Zugleich hat sich ihm seine Ex-Freundin wieder angenähert, und bald kommt er zu einem merkwürdigen Zweitjob - als Samenspender für lesbische Top-Managerinnen . . .</P><P>Schicksale aus dem Alltag der New Economy: "She hate me" von Spike Lee - beim Filmfestival in Venedig außer Konkurrenz, denn Lee ist Jurymitglied - ist eine Satire auf das Leben der Schönen und Wohlhabenden unserer Zeit, virtuos und humorvoll erzählt, voller sarkastischer Spitzen auf Bushs Politik.</P><P>Etwas Ähnliches, eine bittere Komödie voller Zeitbezüge, gelingt Oskar Roehler mit "Agnes und seine Brüder" (Horizonte-Reihe). Das Porträt dreier sehr unterschiedlicher Brüder gerät zur Gesellschaftsfarce à` la "American Beauty": Herbert Knaup als rot-grüner Staatssekretär erlebt gerade, wie ihm Frau und Sohn entgleiten; einer seiner Brüder ist ein sexbesessener Taugenichts, der andere ein Transvestit. Ein Film, wie man ihn aus Deutschland zu selten sieht, voller Frische und Witz. Immer spürbar ist sein Wille, etwas Spezifisches aus unserer Zeit zu erzählen.</P><P>Zumeist geht es in europäischen Arbeiten apolitischer und ernster zu: Private Dramen dominieren. Mehrere Werke verbindet das Thema Sterben. Ganz im Zentrum steht es in "Mar Ardento" von Alejandro Amenabar, einem der stärksten Filme bisher. Über die Geschichte eines Behinderten, der um Sterbehilfe kämpft, entfaltet der Spanier einen fein ziselierten, familiären Mikrokosmos und zeigt, ohne je zu moralisieren, den Reichtum des Lebens.</P><P>Die sieben Todsünden</P><P>"Roy et reine" von Arnaud Desplechin überzeugt ebenfalls. Eine Tragikomödie über eine Frau, für die das Sterben ihres Vaters zur persönlichen Katharsis wird. Ein auf den ersten Blick trauriges Szenario entfaltet auch "Shijie" vom Chinesen Jia Zhangke. In atemberaubender Farbenpracht, mit schwerelos schwebender Kamera, schnellen Schnitten und kurzen, prägnanten Animationseinlagen erzählt der Film von jungen Menschen in Peking. Zwingend in Stil und Story, besticht "Shijie" auch durch den Schauplatz seines Dramas: der Worldpark in Chinas Hauptstadt, eine traumhafte Filmkulisse, wo es alles gibt, Eiffelturm und Pyramiden, die sieben Todsünden, Liebe, Ausbeutung und Tod. Nicht weniger bezaubernd, aber ganz anders ist der erste japanische Beitrag: "Haunted Castle" vom Animationsmeister Hayao Miyazaki - ein Märchen für Erwachsene.</P><P>Unter seinem neuen Leiter Marco Müller wirkt das Festival am Lidostrand nach einer knappen Woche chaotischer denn je. Noch nie waren die Verspätungen so groß wie diesmal - zum Teil fingen Filme erst zwei Stunden nach angekündigtem Termin an, US-Star Johnny Depp etwa musste zu seiner "Neverland"-Premiere um zwei Uhr nachts auf den roten Teppich.</P><P>Und das Programm, aller angeblichen Entschlackung zum Trotz, ist dicht gedrängter und unübersichtlicher als sonst. Ein klarer Preisfavorit hat sich auch noch nicht herausgeschält. Doch noch immer verfehlt der Zauber des Ortes seine Wirkung nicht: Alles ist hier füreinander Kulisse: Kanäle, Gondeln und Paläste für den Auftritt der Stars - und diese umgekehrt für Venedig. Noch fünf Tage lang geht die Show weiter, dann werden die Löwen verteilt.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
München - John Hamburgs „Why him?“ variiert fantasielos das Duell Schwiegervater-Schwiegersohn.
Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
München - „Hell or High Water“ ist ein höllisch unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel im modernen Wilden Westen.
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
München - Roger Spottiswoode verfilmte den Bestseller „Bob, der Streuner“ angenehm kitschfrei.
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung
München - „La La Land“ ist eine gesungene und getanzte Liebeserklärung an das Leben, die Leidenschaft und Los Angeles.
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung

Kommentare