Alte Liebe rostet doch

- Das gibt es häufiger im Leben, dass Träume der Realität nicht standhalten. Es ist eine schmerzliche Erkenntnis, aber danach folgt gewöhnlich eine Umorientierung auf etwas Neues, und wieder geht's von vorne los mit dem Träumen. Bei Wim Wenders verhält es sich ein wenig anders. Seine Utopie von Amerika hatte seit "Der amerikanische Freund" von 1976 wenig mit den Western John Fords und dem klassischen Marlboro-Country der Werbeindustrie zu tun.

 Traumfabrik nannte man die Filmindustrie in Hollywood früher gerne.

Die Seele bloßlegen

Wenn Wim Wenders in einem Interview davon sprach, hatte es immer den unguten Beiklang von Gehirnwäsche. Er wollte die eigentliche Seele Amerikas bloßlegen, wollte in seinen Spielfilmen das zeigen, was das weite Land wirklich ausmacht jenseits des rosaroten Elvis-Kitsches und der wettergegerbten Wildwest-Romantik.

Und es gibt tatsächlich Filme wie "Hammett", "Paris, Texas" oder "Am Ende der Gewalt", in denen dieser ureigene amerikanische Traum von Wenders aufging. In denen der Regisseur seinen stets ein wenig oberlehrerhaft gereckten Zeigefinger einpackt, die scheinbar so intellektuellen Volkshochschul-Phrasen zurückhält und dem Zuschauer das Denken nicht völlig abnimmt. "Paris, Texas" ist wohl neben den frühen Peter-Handke-Verfilmungen nach wie vor einer der besten Wenders-Filme. Auch, was seine Analyse der USA angeht.

Sam Shepard hat damals das Drehbuch verfasst, und das hat er auch für den neuen Wenders namens "Don't Come Knocking" getan. So ist es vielleicht kein Wunder, dass Wenders und Shepard 1984, nachdem "Paris, Texas" in Cannes die Goldene Palme gewonnen hatte, zwar schworen, von nie mehr von verschlossenen, einsamen Männer zu erzählen. Getan haben sie es aber trotzdem. Wieder und wieder. Jeder für sich. Und in "Don't Come Knocking" auch wieder einmal gemeinsam.

Howard Spence, abgehalfterter Western-Bösewicht und Antiheld des Films, ist so einsam und verschlossen, wie man es als Mensch nur sein kann. Shepard selbst gibt diesem gefallenen Engel das zerfurchte Gesicht, wenn Howard plötzlich nach Halt sucht in seinem immer schneller verrinnenden Leben. D

as ist anrührend zu beobachten, und Shepards intensivem und doch gar nicht sentimentalem Spiel alleine ist es zu verdanken, dass "Don't Come Knocking" ein wirklich zu Herzen gehender Spielfilm über einen sich verzweifelt gegen das Alter wehrenden Mann geworden ist und nicht nur eine weitere pseudopoetische und mit unendlichen Totalen überfrachtete Amerika-Variation aus dem Hause Wenders.

Zwei Lebensentwürfe

Grandios eingefangen sind Momente wie etwa die erste Begegnung von Howard und seiner einstigen Flamme Doreen (Jessica Lange). Er will alte Zeiten heraufbeschwören und sucht ein bisschen Wärme, sie sitzt ihm fassungslos gegenüber und lacht ihn aus. Es sind Szenen wie diese, die Wenders zu einem großen Regisseur machen.

Gekonnt und vollkommen unprätentiös fängt er mit wenigen Einstellungen zwei Lebensentwürfe ein, die hier aufeinander prallen. Mit einer fast unbeweglichen Kamera filmt er die Furchen ab, die den beiden einst Verliebten inzwischen von den Zeitläuften geschlagen wurden und beweist damit ohne viel Aufhebens und Dialog, dass alte Liebe, egal wie groß, eben doch rostet.

Aber dann gibt es eben auch ausufernd langatmige Kamerafahrten übers staubige Land. Autos, die einen Highway hinauf- oder hinuntergondeln. Und den gestrauchelten Filmstar, der in einer Lebenskrise als erstes heim zu Mama flüchtet und dort im Kinderzimmer seine Wunden leckt. Das ist dann leider wieder der gefürchtete Wenders-Kitsch, das wuchtige Gefühlskino mit passender musikalischer Verbrämung, über das man sich immer wieder lustig machen kann. Zu Recht.

"Don't Come Knocking"

mit Sam Shepard, Jessica Lange

Regie: Wim Wenders

Sehenswert

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