Amerika ganz unschuldig

- "Die neue Welt" - man muss, für einen Augenblick zumindest, den Titel von Terrence Malicks neuem Film ganz naiv ernst nehmen. Stellen wir uns vor, wie es wäre, wenn sich plötzlich unsere Sicht auf die eigene Welt radikal wandeln würde. Das genau war es nämlich, was im frühen 17. Jahrhundert die Erfahrung der Menschen bestimmte. Nicht die alte Geschichte von den bösen Weißen und den guten Indianern ist das eigentliche Thema von "The New World". Sondern die Erfahrung einer universalen Welterschütterung - eine zweiseitige übrigens, weil sie ja nicht minder für die indianischen Ureinwohner Amerikas galt - und ihre Konsequenzen.

Aufeinanderprallen gleichberechtigter Kulturen

An der Oberfläche erzählt der Film die bekannte Pocahontas-Saga nach: Eine indianische Häuptlingstochter (Q'orianka Kilcher) bändelt mit dem Engländer John Smith (Colin Farrell) an, der mit den ersten britischen Schiffen 1607 an die Küste Virginias kommt, um eine neue Kolonie zu gründen. Die auf tatsächlichem Geschehen beruhende Geschichte ist einer "der" Gründungsmythen der USA, mit Recht hält man ihre offizielle Version für schönfärberisch, tendenziös und verlogen. Malick rollt sie noch einmal auf, verändert sie aber erheblich, benutzt ihre Versatzstücke als Vehikel, um etwas ganz anderes zu erzählen: das gegenseitige Staunen bei diesen ersten Begegnungen zwischen Briten und Indianern - das Aufeinanderprallen zweier gleichberechtigter Kulturen. Man ahnt, wie es jemandem zumute gewesen sein muss, der 1607 nach Amerika kam. Und man fragt sich, wer eigentlich in dieser Begegnung die wahren Barbaren sind, die Weißen, die die Indianer als Wilde verachten, aber im Hunger des ersten Winters sogar an ihren Toten Kannibalismus üben, oder die Indianer, die sie aus der Not retten? Nichts entzaubert der Film stärker, als das Abendland, aus dem die Kolonisatoren stammen. Und damit öffnet er uns die Urerfahrung des amerikanischen Raums, das Neue der Neuen Welt wieder ganz unschuldig.

Malick, inzwischen 63, gilt als der Salinger des Weltkinos - und als einer seiner besten Regisseure. Er lebt im Verborgenen, lässt sich nicht fotografieren, gibt keine Interviews und hat in über 30 Jahren nur vier Filme gemacht. Sie alle, zuletzt 1999 "The Thin Red Line", mit dem er die Berlinale gewann, sind Meisterwerke. Die Bilder, die Farben sind Malick immer am wichtigsten, aber seine Storys vernachlässigt er dabei nicht: Er stellt die großen Fragen; nach Zivilisation und Natur, nach Geist und Gewalt, nach Freiheit und Tod. Seine Filme sind Seelenlandschaften, Wiedereroberungen verlorener Paradiese im Geiste Rousseaus.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Wagners "Rheingold" die zentrale Musik dieses Films ist. "The New World" ist der Mythos einer Weltentdeckung; zutiefst romantisch, eine Symphonie der Sehnsucht nach dem Unverständlichen, nach dem, was man, indem man es will, zugleich nicht will. Malick ist ein Meister des Widerspruchs, sein Film ist mutig, radikal, nicht leicht über einen Leisten zu schlagen; wie Wagners Musikdramen enthält er zahlreiche Anspielungen auf die Kulturgeschichte. "The New World" ist perfekt inszeniert und dabei zutiefst emotional. Ein Film, der uns staunen lässt. Etwas Besseres kann man kaum über Filme sagen. Mit dem Staunen beginnt das Kino.

(In München: Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Cinema i.O.)

"The New World"

mit Q'orianka Kilcher, Colin Farrell

Regie: Terrence Malick

Hervorragend

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