Anatomie eines Verbrechers

- Der Hinweis ist so platt, dass man ihn nicht zu ernst nehmen sollte: "Schuld und Sühne" von Dostojewski ist derzeit die Lektüre von Chris. Aber ein bloßer Zufall ist der Titel auch nicht. Denn bald, sehr bald schon wird Chris sich in ähnlicher Lage befinden wie Raskolnikow, der Held des Buches, der seines Lebens nicht mehr froh wird.

Im ersten Bild von Woody Allens "Match Point" sehen wir einen Tennisball sanft das Netz touchieren. Alles ist in Zeitlupe gefilmt, deswegen wirkt es, als der Ball einmal, zweimal auftropft und sich in der Luft gemächlich weiter um sich selber dreht, so, als halte er einen Moment inne, als überlege er sich, welche Richtung er einschlagen soll, ob er links oder rechts vom Netz zu Boden fallen will. Wo er dann fällt, ist völlig egal, denn die Botschaft haben wir verstanden: ein minimaler Unterschied, ein kleiner Zufall ist es, der manchmal über ein ganzes Spiel und ein Leben entscheidet.

Dass Allens neuer Film also "Matchball" heißt, ist in diesem Zusammenhang multiplizierte Ironie in typischer Allen-Manier: Ein Matchball ist eine entscheidende Chance, um zu gewinnen, das, worauf ein Spieler hinarbeitet. Wer einen Matchball hat, steht kurz vor dem Ziel. Aber Matchbälle kann man vergeben. Chris ist Tennislehrer. Sein Können und sein Beruf bringen ihn in seiner Heimatstadt London (wo nun erstmals ein Allen-Film spielt) in engen Kontakt zu den guten Familien des Königreichs. Ganz nahe ist er dran und gehört doch nicht dazu.

Dann aber verwandelt er einen sozialen Matchball: Chloe verliebt sich in ihn, der ihre Liebe eher akzeptiert als erwidert; auch weil er durch Chloe Zugang zu jenen Kreisen erhält, nach denen er sich sehnt. Sie heiraten. Da lernt Chris Nola kennen. Unmittelbar fühlen sie sich voneinander angezogen, als würden sie instinktiv ihre Verwandtschaft, die Gemeinsamkeit ihres Schicksals wittern. Sie beginnen ein Verhältnis, und Nola wird schwanger.

Ist das nun Tragödie oder Komödie? Bei Woody Allen muss es beides sein. Genau und voller Feinsinn schildert der Regisseur die Geschichte zweier Aufsteiger. Mit der kühlen Ironie, vor allem aber der unerbittlichen Logik eines Gesellschaftsromans von Austen oder Thackeray beobachtet und entlarvt er die Rituale der Klassen, dekonstruiert sie - um sie doch insofern zu bestätigen, dass auf den Aufstieg unerbittlich der Fall folgt, auf die Erfüllung und Bestätigung aller Wünsche die erneute Infragestellung. Zugehörigkeit, "das Blut" setzt sich am Ende doch durch, und Aufsteiger bleibt Aufsteiger. Sicher kann hier niemand sein, der es nicht schon immer war.

Jonathan Rhys-Meyers spielt Paul glänzend genau in dieser Kombination aus Unsicherheit und Begehren. Lauernd, voller Verlangen blickt er sich um wie ein Raubtier, das sich von den Tischen der Reichen einen großen Batzen reißen will. Schon seine ein wenig zu kräftige Statur, der minimal gedrungene Gang, die etwas zu undistanzierte Höflichkeit unterscheiden ihn von der feineren Oberschicht. Das gilt auch für die von Scarlett Johannsson nicht minder präzis verkörperte Nola, die schön, aber ein klein wenig zu vulgär ist. Der Blick, mit dem Allen uns dies alles sehen lässt, ist selbst ein großbürgerlicher: Er lässt uns Zeichen lesen und das Geschehen in seiner Notwendigkeit erkennen, noch bevor es sich ereignet.

Thackeray trifft auf Dostojewski, weil diese so überlegen ausgebreitete Ausgangssituation zum Drama mutiert, in dem jeder den Überblick verliert und der Zuschauer nicht mehr amüsierter Beobachter bleibt, sondern aufgewühlter, unmittelbar Beteiligter wird. Denn zum Typus des Aufsteigers gehört, dass er gewissenlos agiert. Doch das Gewissen meldet sich zurück, und wie bei Raskolnikow ist es mit der Tat nicht getan. Man muss auch mit ihr fertig werden.

Wie in "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" hat Allen mit "Match Point" ein Gesellschaftsporträt gedreht, dass zugleich moralisches Lehrstück ist. Präzis, giftig und witzig ist diese perfekt inszenierte Anatomie eines ganz normalen Verbrechers aus Statusangst ein filmisches Meisterwerk. (In München: Mathäser, Filmcasino, Leopold, City, Atlantis i.O., Cinema und Filmeck i.O.)

"Match Point"

mit Jonathan Rhys-Meyers, Scarlett Johansson

Regie: Woody Allen

Hervorragend

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