Das andere Amerika

- "Der Morgen des 20. April 1999 war ein ganz normaler Morgen wie jeder andere in Amerika: Der Farmer drehte seine Runden, der Milchmann lieferte die Milch, der Präsident bombardierte wieder ein Land mit unaussprechlichem Namen . . ." So die ersten Worte dieses Films. Kurze Zeit später kam es an der Columbine-Highschool in Littleton, Colorado zum größten Amoklauf der US-Geschichte: Zwei Jugendliche mordeten zwölf Mitschüler und einen Lehrer, verletzten Dutzende von Menschen schwer.

<P>Ein paar Stunden zuvor waren die künftigen Mörder noch gemeinsam bowlen gegangen _ daher der Titel von Michael Moores bestechender Dokumentation. Moore, seit "Roger & Me" und "The Big One" ein weltbekannter Dokumentarist und scharfer politischer Beobachter, befasst sich mit den Hintergründen dieses amerikanischen Dramas und davon ausgehend auch mit anderen Amokläufen sowie dem Attentat in Oklahoma City (über 200 Tote).</P><P>Seine Filmreise führt in die gewaltbeladene Geschichte einer Nation, die Freiheit untrennbar mit dem Recht aufs Waffentragen verknüpft. Und sie führt bis hin zu jenen Milizen, in denen sich brave Bürger aus Michigan oder Wisconsin zusammenfinden, in Uniform durch den Wald stiefeln, auf "Washington" und die Polizei schimpfen, "die nichts tut", und Schießübungen mit automatischen Waffen und panzerbrechender Munition abhalten. Aus diesen Kreisen stammten auch die beiden Attentäter von Oklahoma City und die Mörder von Columbine.</P><P>Bittere Einblicke eröffnet der Film. Er schockiert gerade in der Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sich Bürger auf ihr Verfassungsrecht berufen, dass sie Waffen tragen dürfen. Sechsjährige Kinder erhalten Schießausbildungen, Munition ist im Supermarkt erhältlich. Kein Wunder, dass Moore unglaubliche Zahlen enthüllt: Über 11 000 Tote gibt es jährlich in den USA durch Schusswaffen, in Deutschland 361, in England 65, in Japan nur 39. Doch Moore geht noch weiter: Am Beispiel Kanadas, das ähnlich liberale Waffengesetze hat, wo es aber trotzdem kaum Morde gibt, belegt er, dass die wahren Ursachen der Verbrechen weder allein in Waffenbesessenheit noch in Popmusik und im Hollywoodkino zu suchen sind _ wie Konservative gern vermuten. "Die Amerikaner sind angstbesessen", konstatiert er vielmehr und liefert dafür viele Beispiele.</P><P>So ist sein Film eine spannende Reise in die US-Psyche, ein idealtypisches Stück politischer Aufklärung aus dem anderen Amerika. Denn die bei uns beliebte Unterstellung des "Antiamerikanimus" zieht diesmal nicht: Alle interviewten Kritiker sind wie Moore selbst US-Bürger. (In München: Arena, Leopold, Atelier.)</P><P>"Bowling for Columbine"<BR>Regie: Michael Moore<BR>Hervorragend </P><P>Auch das gibt es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Dieser Hund wurde als Jäger verkleidet und erschoss "aus Versehen" einen Menschen _ Szene aus Michael Moores Dokumentation.Foto: Verleih<BR></P>

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