Annäherung an die Polit-Väter

- Regisseurin Doris Metz gibt ihr Kinodebüt mit dem Dokumentarfilm "Schattenväter", der am Donnerstag anläuft. Die 45-jährige Münchnerin begleitet Matthias Brandt und Pierre Boom, die sich auf die Spuren ihrer Jugend in Bonn und Berlin begeben. Die beiden haben berühmte Väter: der eine Bundeskanzler Willy Brandt, der andere dessen früheren Berater Günter Guillaume, der 1974 als DDR-Spion enttarnt wurde.

Auf dem Plakat sind Willy Brandt und Günter Guillaume groß abgebildet. Warum sind die beiden im Film kaum zu sehen?

Metz: Ich wollte nicht mit archivlastigen TV-Dokus konkurrieren, ich wollte einen Kinofilm machen. Es ist doch zu Tode langweilig, mit Bergen von Archivmaterial zu arbeiten, weil das ein ganz bestimmter Blick auf das politische Geschehen der Zeit ist. Ich wollte nicht die Sehgewohnheiten bedienen: also kein Kniefall in Warschau, sondern der Blick der Söhne. Deshalb musste das verwendete Archivmaterial auch unmittelbar etwas mit den Kindern zu tun haben. Die Bilder aus dem "Aktuellen Sportstudio" mit den Brandts zum Beispiel waren ein absoluter Glücksfall.

War es schwer, die beiden Söhne mit diesem sehr subjektiven Konzept zu gewinnen?

Metz: Ich habe sie gerade damit gewonnen. Besonders für Matthias Brandt war es ein Leben lang ein Problem, dass er durch die Medien instrumentalisiert wurde. Er ist ja Schauspieler und war vor ein paar Jahren in dem Fernsehfilm "Im Schatten der Macht" über die letzten Tage von Willy Brandt dabei - und zwar in der Rolle von Günter Guillaume. Die meisten Journalisten haben dann kaum über ihn als Darsteller gesprochen, sondern nur die Klischees über den Vater abgerufen. Ich musste Matthias Brandt deshalb erstmal überzeugen, dass ich mich wirklich für ihn als Person interessiere.

Wie war die Arbeit mit zwei so ungleichen Hauptfiguren - hier der Profi Matthias Brandt, da der Laie Pierre Boom?

Metz: Ich habe zunächst ein bisschen die Luft angehalten, schließlich müssen bei nur zwei Protagonisten beide starke Figuren sein. Natürlich war mit Matthias Brandt einiges einfacher: Er kann sich bewegen, er kann gut erzählen. Andererseits will ich ihn nicht als Schauspieler sehen, sondern als Menschen. Bei Pierre Boom mussten wir mehr schneiden. Er kann sich aber auch gut ausdrücken, als Fotograf und Journalist ist er ja auch kein richtiger Laie.

Wie offen sind Sie an den Film herangegangen?

Metz: Für mich muss ein wirklicher Dokumentarfilm am Anfang ein offenes Ende haben. Ich will schließlich keine These beweisen, sondern ich nähere mich Menschen und ihrer Geschichte an. Ich weiß zunächst gar nicht, was alles auf mich zukommt, viele Details erfahre ich erst im Lauf der Dreharbeiten.

Was war für Sie bei diesem Dreh die größte Erkenntnis?

Metz: Es gibt ja zwei extreme Stereotypen: die Lichtgestalt Brandt und den dunklen Verräter Guillaume. Doch durch die Söhne offenbaren sich plötzlich über alle Ideologien hinweg Gemeinsamkeiten. Boom und Brandt kämpfen beide um etwas Ähnliches, nämlich eine Annäherung an den Vater, ein Verstehen-wollen. Dass das bei jemandem kompliziert ist, dessen Vater Spion ist, denkt man sich. Aber spannend finde ich, dass es auch bei Matthias Brandt so ein Ringen war.

Man kann durch den Film sogar den Eindruck gewinnen, dass Brandt mehr Probleme mit seinem Vater hatte als Boom.

Metz: Man erwartet es natürlich weniger. Viele lieben Willy Brandt und denken: Das muss doch toll sein, wenn man sein Sohn ist. Aber seinen Kollegen erzählt Matthias Brandt das eigentlich nie, viele wissen davon gar nichts. Manchmal sagt er dafür, er sei das Kind auf den Brandt-Zwieback-Packungen.

Warum warten Sie bis zum Ende des Films, um die beiden Söhne zusammenzubringen?

Metz: Die beiden waren als Kinder zwei Wochen zusammen im Sommerurlaub in Norwegen. Das war vor über dreißig Jahren, die kannten sich also kaum. Die parallele Montage schien mir deshalb einfach stimmiger. Ich wollte nie eine Talkshow machen, wo sich beide an einen Tisch setzen und miteinander quasseln.

Hätten Sie sich auch vorstellen können, einen Film über Schattenmütter zu machen?

Metz: Ich hatte anfangs die Idee, die beiden damals noch lebenden Mütter Ruth Brandt und Christel Guillaume in den Film mit einzubeziehen. Christel Guillaume war allerdings nicht mehr bereit, zu irgendwas öffentlich Stellung zu nehmen. Die hatte einfach mit den Medien abgeschlossen. Man hätte über sie auch einen eigenen Film machen können, sie war eine sehr spannende Frau.

Das Gespräch führte Jan Schlieter

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