Anpacken und nicht jammern

- Seit den ersten Schlittenrennen der Kindheit auf den Garmischer Hausbergen können sie sich nicht leiden, der Gamser und der Dorfler. Zur Olympiade 1952 werden dann auch noch beide mit ihren Teams zugelassen. Aber erst, als sie sich zusammentun, gelingt ihnen der Griff nach der Medaille. Die märchenhaft anmutende Geschichte, die Marcus H. Rosenmüller in seinem zweiten Kinofilm "Schwere Jungs" erzählt, hat einen wahren Kern.

Tatsächlich haben 1952 in Oslo die beiden deutschen Bob-Mannschaften ihre jeweils schwersten Fahrer ausgesucht, um auf dem Siegertreppchen schließlich ganz oben stehen zu können. "Für die nächsten olympischen Winterspiele hat man dann allerdings schnell eine Gewichtsbegrenzung der Bobfahrer eingeführt", erklärt Rosenmüller.

Wie kamen Sie auf die Geschichte?

Marcus Rosenmüller: Mir wurde das Drehbuch angeboten, und da habe ich sofort das Potenzial der Handlung erkannt. Das Komödiantische steht stark im Vordergrund, das mag ich sehr. Aber es geht um mehr, um Freundschaft und Liebe, auch der sportliche Aspekt wird sehr ernst genommen. Das war mir wichtig. Ich habe früher viel Fußball gespielt ­ das war eine ernste Sache.

Der unbedingte Ehrgeiz vom Gamser und der Siegeswille, den die Teams zeigen, sind demnach autobiografisch?

Rosenmüller (lacht): Kann man so sagen. Wie der Gamser habe ich auch lange gebraucht, bis ich ein Spiel mal in Würde und ohne Wutausbrüche verlieren konnte.

Ehrgeiz ist also nicht nur positiv?

Rosenmüller: Ehrgeiz ist wichtig. Anpacken ist wichtig. Nicht jammern ist wichtig, sondern die Sachen in die Hand nehmen und versuchen, aus den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten etwas zu machen. Worum geht‘s mir wirklich? So banale Sätze wie "Der Weg ist das Ziel" haben schon ihre Richtigkeit. Wenn man dann auf dem Weg erkennt, dass das Ziel gar nicht mehr stimmt und umkehren kann ­ dann das ist etwas Entscheidendes im Leben. Wie entscheidend das ist, zeige ich in "Schwere Jungs".

"Wer früher stirbt, ist länger tot" ist der erfolgreichste bayerische Spielfilm aller Zeiten. Da erwarten alle jetzt den nächsten Kassenknüller von Ihnen. Hat das den psychischen Druck verstärkt?

Rosenmüller: Ich fühle keinerlei Druck. War auch gar nicht möglich. Denn an "Wer früher stirbt" und "Schwere Jungs" habe ich parallel gearbeitet, immer abwechselnd.

Aber eine gewisse Erwartungshaltung existiert doch mittlerweile schon...

Rosenmüller: Gott sei Dank spüre ich die nicht. Ich verspreche es. Ich spüre Druck, wenn ich etwas zeigen muss, was ich selbst für an sich missraten halte. Jetzt spüre ich keinen Druck, denn mir gefällt dieser Film wahnsinnig gut. Ebenso der dritte Film, den ich im Herbst gedreht habe.

Worum geht‘s da?

Rosenmüller: Er heißt "Beste Zeit". Eine Geschichte von der Drehbuchautorin Karin Michalke. Es geht um ein 17-jähriges Mädchen aus dem Dachauer Hinterland, das sich langsam löst von der Familie und der Heimat. Sie könnte einen Schüleraustausch nach Amerika machen, hat sich aber gerade verliebt. Es ist ein richtig schöner bayerischer Heimatfilm geworden.

Auch auf Bayerisch gedreht?

Rosenmüller: Hier war‘s mir sehr wichtig. Weil‘s halt wirklich ein bayerischer Heimatfilm ist.

Wo findet man heute noch neue Schauspieler, die wirklich Mundart sprechen?

Rosenmüller: Die findet man. Man muss nur wissen, wo man suchen muss. Den Sebastian Bezzel zum Beispiel hatte ich früher mal als Kohlhaas auf der Bühne gesehen und fand ihn großartig. Genial war natürlich, dass der aus Garmisch-Partenkirchen stammt. Die Frauen kommen alle aus Bayern, einige der Männer aus Österreich. Für die ist das Bairisch-Lernen nicht so schwer. Aber einem Berliner Bairisch beizubringen, das war eine echte Gaudi. Der konnte vorher ja nicht einmal "d’Rosi" sagen. (Lacht laut und ahmt den Berliner Dialekt nach.) Der hat dann vor den Dreharbeiten fleißig Bairisch nach einer CD gelernt, die ich ihm mit seinem Text besprochen hatte.

Manche Kritiker werfen Ihnen vor, mit Ihren Produktionen die Unterhaltungsfilme der 50er-Jahre wieder zu beleben...

Rosenmüller: Ich will eben keinen Geschichts- oder Philosophieunterricht erteilen, sondern Komödien drehen. Vielleicht ist das trivial, was ich erzähle. Aber mir gefällt es. Ich bin ein Fan von diesen alten Filmen, wo noch ein bisschen Anstand da war. Wo man einen Spaß machen konnte, ohne gleich alles intellektuell unterfüttern zu müssen. Brutal zu sein, möchtegern-philosophisch zu sein, das ist das Einfachste auf der Welt. Ein pseudo-intellektuelles Weltschmerz-Drehbuch, das schreibe ich dir an einem Nachmittag. Rückwärts. Vielleicht. Oder aber auch nicht (lacht). Unterhalten, die Leute begeistern, das ist es, was ich erreichen will. Und das ist harte Arbeit, wenn die Pointen nicht verletzend sein sollen.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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