Archaisches fasziniert

- Mit seiner Komödie "Brot und Tulpen" feierte der italienische Regisseur Silvio Soldini 1999 einen großen Überraschungserfolg. Am Donnerstag kommt Soldinis zweiter Film, "Brennen im Wind" ins Kino, eine in den Schweizer Bergen zwischen einem tschechischen Emigranten und seiner Halbschwester spielende Passionsgeschichte um eine Amour fou.

Mit "Brennen im Wind" haben Sie den Roman "Gestern" von der in Ungarn geborenen Autorin Agota Kristof, die selbst in der Schweiz lebt, verfilmt. Wie sind Sie zu diesem Stoff gekommen? <BR><BR>Soldini : Das Buch ist in Italien unbekannt. Ich bin durch Zufall darauf gestoßen. Es hat mich schnell fasziniert. Diese Geschwisterliebe ist ja ein archetypischer Stoff mit allerlei anderen Bezügen zu Literatur und Mythen. Das Archaische in seiner Dramatik und Schicksalhaftigkeit zieht mich an. Hier finde ich das wahre Leben, seine Substanz. Und diese Geschichte fängt viel ein vom Wahnsinn des Alltags.<BR><BR>Sie haben die Vorlage aber verändert?<BR><BR>Soldini : Ja, neben den üblichen Kürzungen und Straffungen ist das Ende positiver - ein Happy End. Ich wollte es den Figuren gönnen, die Handlung ist schwer und trist genug.<BR><BR>Der Film unterscheidet sich stark - nicht allein in seiner Geschichte , auch in Inszenierung und Atmosphäre - von "Brot und Tulpen". Warum? <BR><BR>Soldini : An einen solchen Erfolg kann man schwer anknüpfen. Ich habe auch gar keine Lust, das zu machen, was man von mir erwartet, oder mich durch die Wünsche des Publikums zu irgendetwas verpflichten zu lassen.<BR><BR>Wenn es Ihnen nicht darum geht - was ist dann ihr Ziel?<BR><BR>Soldini : Wahrhaftigkeit. Kompromisslos zu erzählen. Das heißt dann auch autonom, unbeeinflusst von was auch immer. <BR><BR>Ihr Film handelt von einem Dissidenten, er schildert dessen Not freilich als rein private, nicht als politische. Ist das denn politisch?<BR><BR>Soldini : Das glaube ich nicht. Oder nur indirekt.<BR><BR>Spüren Sie auch die Veränderungen in der italienischen Filmlandschaft durch die neue Regierung? Viele Kollegen von Ihnen engagieren sich gegen die Kulturpolitik unter Berlusconi. Nanni Moretti spricht offen von "Zensur"? <BR><BR>Soldini : So etwas gibt es tatsächlich. Berlusconi ist ganz fürchterlich, versucht alle Medien gleichzuschalten. Ich persönlich habe mich darum bisher noch nicht gekümmert. Wahrscheinlich sollte ich das tun und bin nur ein bisschen zu unaufmerksam für diese Entwicklungen, zu sehr auf meine eigenen Dinge konzentriert.<BR><BR>Aber Sie würden zustimmen, dass Kunst auch gegen Fehlentwicklungen in der Gesellschaft ihre Stimme erheben, notfalls protestieren muss?<BR><BR>Soldini : Unbedingt! <BR>

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