Das Aroma der Rothaarigen

- Baldini, der alte Parfumeur in Paris, weist ihn ein in die Technik der Parfumherstellung, in die Komposition der Düfte. Dreizehn Flacons hat er vor dem jungen Grenouille auf den Tisch gestellt, um seinen Unterricht zu demonstrieren. Jeder Duft, so erklärt er ihm, setze sich aus drei Komponenten zusammen - Kopf, Seele, Basis -, von denen wiederum jede aus vier verschiedenen Essenzen bestehe. Aber zum perfekten, idealen, restlos betörenden, ja, weltverändernden Parfum - so weiß eine Legende aus dem alten Ägypten - gehöre noch eine 13. Variante.

Doch niemand kenne ihre Formel. Dahinter, so ist zu ahnen, verbirgt sich ein dunkles Geheimnis. Eine fürchterliche Utopie. Dies ist eine der schönsten Szenen in Tom Tykwers Verfilmung des Romans "Das Parfum -Die Geschichte eines Mörders" von Patrick Süskind. Dustin Hoffman als Baldini und Ben Whishaw als Grenouille: Hier stoßen Welten aufeinander, und das ist großartig in Szene gesetzt.

Auf der einen Seite der alte Witterer, der kauzige Fuchs, der genau spürt, dass ihm in dem jungen Genie aus den Drecks- und Elendsvierteln von Paris auch etwas Unheimliches entgegenstrahlt. Und auf der anderen der stets lauernde, schmutzige, dumpf besessene Jüngling, der in diesem Moment weiß: Diese 13. Essenz muss es wohl sein, dieser Duft, nach dem er seit seinem Mord an dem Pariser Mirabellenmädchen (Karoline Herfurth) sucht. Jenes Aroma, das nicht kunstvoll aus Blüten zu gewinnen ist, sondern das den schönsten aller Menschen, den rothaarigen, hellhäutigen jungen Mädchen als natürlicher Odem anhaftet.

Wenn Grenouille -inzwischen von Paris nach Südfrankreich, nach Grasse, ins Mekka der Düfte abgewandert -später ein Mädchen nach dem anderen umbringt, 13 insgesamt, wenn er fachmännisch versucht, mit Talg und Fett ihren Körpergeruch und den ihrer Haare "abzunehmen" und zu konservieren, dann wird der Zuschauer gedanklich immer wieder auf die Szene bei Baldini zurückgeführt. Es ist eine fantastisch gute Geschichte, die Regisseur Tykwer und Produzent Bernd Eichinger hier verfilmt haben.

So fesselnd der Roman, so spannend auch der Film. Trotz aller Schwierigkeiten, die so eine Literatur-Adaption beinhaltet. Die Probleme des Epischen lösten die Drehbuchautoren mit der Einführung eines Erzählers, dem Otto Sander seine Stimme leiht. Ein bisschen zu schön, zu märchenonkelhaft. Dem sonoren Bass fehlt es an ironischer Distanz, die sich beim Lesen des Süskind-Romans durchaus mitteilt. Doch nicht nur dem Erzähler, auch manchen Szenen hätte es gut getan, hätte sich der Regisseur hier nicht so fallen lassen in den Naturalismus des Historienfilms.

So kommt es, dass die Massenszenen, so perfekt sie auch gedreht sein mögen nicht einer gewissen Biederkeit entbehren. Tykwers Film ist immer dann gut, wenn die Kamera die Protagonisten so nah heranzoomt, dass nur eine Nase, nur ein Fuß, die Augen, der Nacken oder auch nur ein Stück Haut die Leinwand dominieren. So sehr, dass man fast meinen könnte, sie zu riechen. Oder wenn sie den eigenartigen Gang, die seltsame Ausstrahlung Grenouilles und seinen Autismus optisch in den Mittelpunkt rückt.

Faszination des Außergewöhnlichen

Wobei zu sagen ist, dass Ben Wishaw darstellerisch die hervorragende Verkörperung dieses Mörders ohne Gefühl für sein eigenes Selbst ist. Er trägt auch das Finale, wenn er als Grenouille zum Richtplatz geführt wird, nicht ohne sich vorher mit dem aus dem Körpergeruch der 13 toten Mädchen gewonnenen Parfüm zu versorgen. Ein Hauch nur von diesem Duft versetzt die Menschenmenge, die gekommen ist, um seiner Hinrichtung beizuwohnen, in ungeahnten Sinnestaumel. Von der Masse zum anbetungswürdigen Engel verklärt, verlässt Grenouille Grasse und kehrt zurück in die Pariser Kloake seiner unrühmlichen Geburt...

Doch was Süskind so meisterlich als obszönes wie erschreckendes Massen-Bacchanal beschreibt, erinnert im Film eher an den Hippie-Kult der Siebziger: in seiner spießigen Verruchtheit ein bisschen brav und lächerlich. Für diese Szene hat Tykwer keine ästhetisch adäquate Bildsprache gefunden. Oder sich nicht getraut, eine zu finden. Wie er es wohl auch nicht gewagt hat, auf die aufdringliche Musik, die er als Komponist auch noch selbst beigesteuert hat, zu verzichten und mit der er jeden modernen Ansatz des Films munter vergeigt.

Es soll nicht beklagt werden, dass der Film der literarischen Vorlage nicht vollends Genüge leistet. Das wäre auch kaum möglich. Vielmehr muss gefeiert werden die im Großen und Ganzen trefflich erzählte Geschichte -als ein Fest der Sinne, eine Animation zum Gruseln, als eine faszinierende Studie des Außergewöhnlichen.

(Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, Royal, Arri, Gloria, Münchner Freiheit, Leopold, City, Cadillac, Rex, Autokino, Cinema i.O., Sendlinger Tor, Gabriel, Kino Solln.)

"Das Parfum"

Darsteller: Ben Wishaw, Dustin Hoffman, Karoline Herfurth

Regie: Tom Tykwer

Bewertung: Sehenwsert ****

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