Atmen für den Endsieg

- "Wir haben in Deutschland nur zwei international auswertbare Pop-Ikonen: den Papst und Adolf Hitler. Für den Papst hat die katholische Kirche die Lizenz. Hitler ist rechtefrei", erklärte der Zeichner Walter Moers einmal sarkastisch seine Motivation zu Cartoons wie "Der Bonker" oder "Adolf. Äch bin wieder da!".

Wieder da ist er tatsächlich. Nicht erst seit Bernd Eichinger und Oliver Hirschbiegel in "Der Untergang" die letzten Tage Hitlers nachstellten. In tragödiengleicher Ernsthaftigkeit und perfekter Mimikry. Der Adolf war schon vorher wieder da. In unzähligen TV-Beiträgen, die nur mit Mühe noch als Dokumentationen betitelt werden konnten, kroch in den letzten fünfzehn Jahren das bleiche Gesicht des Nazi-Spuks wieder ins kollektive Bewusstsein.

"Ich kann Hitler nicht Guido Knopp überlassen", verkündete Moers. Dachte sich vor zwei Jahren auch Dani Levy. Und drehte eine Komödie über Adolf Hitler. Die heißt "Mein Führer", und die singende Herrentorte Helge Schneider spielt den Gröfaz. Kann das gut gehen? Schließlich hängt das miefige Odeur Hitlers noch zu schwer im Raum, als dass man es zum leichten Lüftchen schönreden dürfte. Keine Frage, Levy wagt sich auf vermintes Gelände. Eine Komödie über Hitler drehen, das durften Genies wie Chaplin oder Exilanten wie Lubitsch und Wilder. Insofern ist auch Levy, in der Schweiz geborener Jude, jedes Hautgouts vollkommen unverdächtig.

Geglücktes Experiment

Sein Film ist das groteske Gegengift zum operettenhaften "Untergang". Statt Bruno Ganz langweilt sich Schneider in der Neuen Reichskanzlei. Und er macht seine Sache überraschend gut. Er spielt sehr zurückgenommen, fast schon lässig und überzeugt gerade deshalb in der Rolle des Anstreichers. Levy hätte seinem Titelhelden mehr zutrauen dürfen: Immer dann, wenn Schneider ins Subversiv-Komödiantische eintauchen kann, gelingen ihm wunderbar skurrile Momente. Sein Hitler ist eine Witzfigur und birgt zugleich stets noch eine gruselige Gefährlichkeit.

Wird ihm von der Regie ein vermeintlich lustiger Dialog oder eine der durchweg mittelmäßigen Slapstick-Szenen aufgezwungen, geht‘s meistens schief. Die boshafte Komik des Films liegt in den Details, den Nebensächlichkeiten und dahin gemurmelten Halbsätzen. Das Medikamentenreservoir Hitlers in der Weltkugel etwa, das laute Knallen der zusammenschlagenden Hacken, der übermäßige Hang zur Bürokratie, die Beschriftung der Klingelschilder an der Reichskanzlei oder der arme Schauspielprofessor Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe) mit dem Käse-Schinken-Brot in der Hand -­ das hat Charme und einen schaurig waghalsigen Witz. Wenn Speer Hitler beim Schaumbad überrascht, birst die Szene vor vielschichtigen Anspielungen.

Hitler im Urin-befleckten Nachthemd hingegen, mit Eva Braun (Katja Riemann) im Bett oder Schäferhund Blondi in SS-Uniform sind einfach nur platt. Schade. Denn die Geschichte ist geschickt als Startrampe für clevere und intelligente Gags konstruiert: Propagandaminister Goebbels (schlichtweg hinreißend: Sylvester Groth) plant die Neujahrsrede für das Jahr 1945. Mit dieser Ansprache im Berliner Lustgarten soll Hitler noch einmal die Massen für den Endsieg begeistern. Doch aus dem Führer ist die Luft raus, schlaff hängt er in den Fauteuils der Reichskanzlei herum und jammert seinen Mannen die Ohren voll von der Wunderwaffe. Um seine "Form von 1939" wiederzugewinnen, muss Hitler in einen curryfarbenen Trainingsanzug steigen. Ausgerechnet von einem Juden, dem aus dem KZ "beurlaubten" Grünbaum, muss sich der Mann aus Braunau dabei helfen lassen, mit Hilfe von Atemübungen "die eigene Mitte zu finden".

Schon bald wird der Führer zutraulich. "Das mit der Judenvernichtung dürfen Sie nicht persönlich nehmen", gesteht er dem neuen Freund. In solchen Momenten funkelt ein anarchischer Witz durch, der an Lubitschs "Sein oder Nichtsein" erinnert. Doch während jene Satire zum Ende hin immer mehr Schärfe und Boshaftigkeit gewinnt, verliert "Mein Führer" tragischerweise im Laufe seiner 90 Minuten die Zähne. Psychologische Demontage eines Diktators ist eine feine Sache -­ wenn sie sich nicht in Impotenzspäßchen und Menschlich-Allzumenschlichem verliert. Trotzdem ist "Mein Führer" ein auf recht hohem Niveau unterhaltendes und somit schon mal geglücktes Experiment. Levy hat viel riskiert, mit hohem Einsatz und exzellenten Darstellern gearbeitet. Mit "Mein Führer" gelang ihm ein originelles Lehrstück über den schönen Schein, Macht und Ohnmacht, Kulissen und Pappkameraden. Chapeau.

Ab morgen in München: Mathäser, Maxx, Leopold, City, Rio.

"Mein Führer"

mit Helge Schneider, Ulrich Mühe

Regie: Dani Levy

Sehenswert ****

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