Auferstanden aus Ruinen

- "Was wäre, wenn . . ." ist immer wieder eine hübsche Gedankenspielerei. Was wäre, wenn man im Lotto tatsächlich gewinnen würde. Oder was wäre, wenn 1989 der Mauerfall ganz anders stattgefunden hätte. In seinem neuen, soeben auf der Berlinale präsentierten Film "Good Bye, Lenin!" zeigt Wolfgang Becker (nach dem überaus originellen und liebenswürdigen Drehbuch von Bernd Lichtenberg) eine etwas andere Sicht auf die letzten Tage des real existierenden Sozialismus.

<P>Der Film ist ein groteskes Schelmenstück, in dem der 21-jährige Axel (Daniel Brühl) Mitte 1990 noch einmal die DDR mit ihren gesammelten Alltäglichkeiten von Pioniergruß bis Tempolinsen aufleben lässt. Und das alles nur für die schwer herzkranke, soeben aus dem seit Oktober 1989 währenden Koma erwachte Mutter Christiane Kerner (Katrin Saß). Sie, eine stramme Parteigenossinnen und eine der unermüdlichsten Kämpferinnen für Arbeiter und Bauern, hatte angesichts einer Montagsdemonstration eine Herzattacke ereilt. Christiane war ins Koma gefallen, aus dem sie für die nächsten zehn Monate nicht mehr erwachte.<BR><BR>So verschläft die Grundschullehrerin und Heldin der Arbeit nicht nur den 9. November 1989, sondern auch den Siegeszug von Opel, Coca-Cola & Co. über die ersten Wahlen bis hin zur West-Mark. Als sie endlich wieder bei Sinnen ist und aus dem Krankenhaus entlassen wird, soll jede Aufregung von ihr ferngehalten werden.<BR><BR>Axel ahnt, dass die Ereignisse für seine Mutter nicht leicht zu ertragen wären, galt doch der Westen seit der Flucht des Vaters in den Siebzigerjahren als Sinnbild allen Übels. Gemeinsam mit seiner älteren Schwester Ariane (Maria Simon) und seinem Freund Denis (Florian Lukas) lässt er die DDR ein knappes Jahr nach der Wende für die bettlägrige Mutter auf 79 Quadratmeter Plattenbau aus Ruinen wieder auferstehen: Die alten Möbel mit zonalem Charme werden wieder vom Sperrmüll geholt, westliche Lebensmittel in alte Ostverpackungen umgefüllt, und zu Mamas Geburtstag werden zwei ehemalige FDJler durch harte Westwährung dazu gebracht, nochmals ihre blauen Hemden anzulegen und Frau Kerner ein republiktreues Ständchen zu singen.<BR><BR>Wolfgang Becker hat erkannt, was viele immer noch nicht wahrhaben wollen: Die Wende kam zu schnell für manchen DDR-Bürger. Keine Zeit blieb, um sich in Ruhe vom Alten zu verabschieden - und sollten es auch nur die Spreewaldgurken gewesen sein. Becker führt dem Zuschauer die enorme Verdrängungsleistung vor Augen, die eine politische Wende erfordert. Diese Zeit des Übergangs holt Becker nun nach, indem er die schwerkranke Christiane Kerner allmählich an den Mauerfall heranführt. Mit Hilfe nachgestellter "Aktuelle Kamera"-Folgen erklären Axel und Denis der Mutter das Ende des Sozialismus auf eine recht spezielle, aber dafür umso herzerwärmendere Weise. Aus dem Off erzählt Protagonist Axel seine Sicht auf die politischen Entwicklungen der DDR, zusammengekürzt auf eine Familiengeschichte.<BR><BR>Becker gelingt es, seine Figuren in ihrer Hilflosigkeit liebevoll zu zeichnen und niemals der Lächerlichkeit preiszugeben, sei die Versuchung auch noch so groß. Die exzellenten Darsteller treffen in den pointierten Dialogen von Lichtenberg stets den richtigen Ton, um aus der Burleske ein Drama, aus der Tragödie aber auch gleich wieder eine Komödie werden zu lassen. (In München: Arri, Royal, Leopold, City.)<BR><BR>"Good Bye, Lenin!"<BR>mit Daniel Brühl, Katrin Saß,<BR>Chulpan Khamatova<BR>Regie: Wolfgang Becker<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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