Das Auflösen der Wirklichkeit

- Langsam geht die Sonne unter. "Vendredi Soir", der Titel von Claire Denis neuem Film (im Wettbewerb der Film-Biennale von Venedig) ist ganz wörtlich zu nehmen: Der Film zeigt in den folgenden eineinhalb Stunden nicht viel mehr als eine junge Frau, die den Abend verbringt. Aber damit gelingt der Französin genau das, was so vielen anderen Kino-Werken fehlt: originelle, kaum gesehene Bilder, Film als genaue Beobachtung und konkrete Zuschauererfahrung - und nicht nur das ständige Vorführen des oft Gesehenen.

<P>"Vendredi Soir" ist eine Großstadtfantasie, gekleidet in ein Frauenporträt. Man beobachtet die junge Laure (Valerie Lemercier) dabei, wie sie ihre Einrichtung in Kisten packt, sich allmählich von ihrer Wohnung verabschiedet, denn morgen wird sie mit ihrem Freund zusammenziehen. Dann steigt sie ins Auto, doch statt ihre Freundin zu besuchen, steht sie quälend lang im Stau. Auch als sie einen Mann kennen lernt, mit ihm zu Abend isst und in ein Hotelzimmer geht, wird nicht viel gesprochen - die Wirklichkeit löst sich in Detailaufnahmen auf; Denken, Tagtraum und Wirklichkeit vermischen sich ununterscheidbar.</P><P>Und plötzlich ist Clair Denis ganz nahe dran an der Magie eines Michelangelo Antonioni, dem Venedig eine Retrospektive widmet; denn er erschloss dem Zuschauer vor 30, 40 Jahren neue Wirklichkeiten. Auf ähnlichem Gelände bewegt sich Tonie Marshall mit "Au plus près du paradis": eine Traumrolle für Catherine Deneuve, die in fast jeder Szene zu sehen ist als allein stehende Frau, die von der Erinnerung an eine Jugendliebe eingeholt wird.</P><P>Der Film spielt mit dem Klassiker "An Affair to Remember" (in dem Cary Grant und Deborah Kerr mitwirkten), von dem fast zehn Minuten lange Ausschnitte gezeigt werden. Und das bricht dem Film das Genick - bei allem Mut Marshalls, ihre Hauptdarstellerin wie eine überreife Alice ins Wunderland zu stürzen. Zu tief ist der Abgrund zwischen beiden Werken, zwischen der Faszination, die ein Cary Grant auch nach 45 Jahren noch ausübt, und William Hurts Gekünsteltem.</P><P>Gerade mit der vermeintlich sicheren, weil sichtbaren Wirklichkeit tun sich viele andere Filme schwer: "Nach einer wahren Geschichte", das ist schnell auch Entschuldigung für manche Handlungswende, die man einem erdachten Drehbuch nicht gestatten würde. Ein derartiger Fall ist unglücklicherweise auch der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag "Führer Ex" von Winfried Bonengel. Mit seinem Spielfilm-Debüt ist er dem Thema seiner umstrittenen Dokumentation "Beruf Neonazi" (1993), einem Porträt des Rechtsradikalen Ewald Althans, treu geblieben.</P><P>"Führer Ex" lehnt sich an die Autobiografie des ehemaligen Neonazis und Aussteigers Ingo Hasselbach an. Der wuchs, Kind eines überzeugten Kommunisten, in der DDR auf, wurde nach einem Fluchtversuch inhaftiert und geriet dort in die rechte Szene. Was Bonengel aus der Geschichte macht, ist völlig missglückt. Während die Gefängnisszenen noch wie eine unfreiwillige Parodie auf alle Knastmovies der Filmgeschichte wirken, verärgert die politische Naivität und ästhetische Einfallslosigkeit, mit der Bonengel die Neonazis darstellt - eine Peinlichkeit, die auf einem internationalen Festival umso schwerer wiegt.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lachattacken im Schnellformat: Bullyparade-Film ab Donnerstag im Kino
Michael Bully Herbig bringt seinen nächsten Film ins Kino. Am Donnerstag feiert „Bullyparade - Der Film“ seine Premiere - Lachattacken garantiert.
Lachattacken im Schnellformat: Bullyparade-Film ab Donnerstag im Kino
Kinoflim „Tigermilch“: Ein Prosit auf die Pubertät
Wir trafen die Hauptdarstellerinnen von „Tigermilch“ – Der Film nach Stefanie de Velascos Roman startet nächste Woche.
Kinoflim „Tigermilch“: Ein Prosit auf die Pubertät
„Willkommen bei den Hartmanns“ geht ins Oscar-Rennen
Die Oscars werden zwar erst im März 2018 verliehen, doch für Deutschland wird es schon diesen Monat spannend: Eine Fachjury entscheidet, welcher deutsche Film ins Rennen …
„Willkommen bei den Hartmanns“ geht ins Oscar-Rennen

Kommentare