Ausbeutung einer Katastrophe

- Geräusche eines startenden Flugzeugs. "Ready for take off" ist zu hören, die Leinwand bleibt kurz schwarz. Ein Autor (Moritz Rinke) spielt einen Autor, der mit sich redet: Kunst oder Wirtschaft - das ist seine Frage. Eine Pizzabäckerei wird von einem Pakistani (René´ Ifrah) betrieben, eine reiche Frau (Catharina Schuchmann) hat nichts zu tun und ist darob melancholisch, will nicht erkennen, dass ihr Mann (Justus von Dohnányi) sich längst von ihr entfernt hat. Ein Reihenhaus-Besitzer hat Probleme mit seinem Sohn, und dann geht auch noch das Auto kaputt, usw., usw.

<P>Ein deutsches Beziehungsgeflecht der banalsten Art, vielleicht gerade noch gut für die 20 Uhr-Schiene im Privatfernsehen. Doch während der Beziehungsprobleme laufen die Fernseher, und man erlebt die Ereignisse des 11. 9. 2001 aus Sicht der Figuren. Zwei Stunden lang mischt Max Färberböck Fragmente der Berichterstattung mit pompösem Soundtrack und Szenen aus dem Leben dieser meist reichen, überdrüssigen, langweiligen Menschen. Terror-Short-Cuts.<BR><BR>Manche lassen sich durch die Attentate inspirieren, ihr Leben zu ändern, andere mögen keine Ausländer mehr, wieder andere nun erst recht. Was "September" zu einem unfreiwilligen Horrorfilm macht, ist aber nicht diese Ansammlung von Banalitäten und auch nicht der kaum erträgliche Betroffenheitsgestus der lauten, halbstarken Dialoge: "Da sind Menschen gestorben, und Du redest über Geld." - "Wir müssen unsere Leben besser machen."<BR><BR>Es ist noch nicht einmal das obszöne Ausbeuten der Katastrophe und der heimliche Rassismus im Umgang mit den ausländischen Figuren, sondern die künstlerische Armseligkeit, in der alles geschieht: kein Rhythmus, keine Komposition der Bilder, dafür hektische Aneinanderreihungen und unendliche Überblendungen. Zu einem SEK-Einsatz sieht man etwa traurige arabische Augen, hört eine Blair-Rede, darüber ist ein Popsong gelegt - neue Unübersichtlichkeit à` la Färberböck, der eine Figur sagen lässt: "Eigentlich will ich ja die Welt verändern, aber ich kann noch nicht mal meine Fenster putzen."<BR><BR>"Eigentlich will ich ja die Welt verändern."</P><P>Selbstaussage des Regisseurs, der seinen künstlerischen Offenbarungseid liefert? Jedenfalls ein eitles Machwerk, und ein miserabel gespieltes obendrein. Der Schriftsteller Moritz Rinke, der seinen Auftritt zu einem Rundumschlag gegen das Feuilleton nutzt, den er, so muss man fürchten, für Ironie hält, setzt all dem die Krone auf. Die peinliche Selbstdemontage des Kulturpromis ist der einzige Grund, den Film zu sehen: Darüber wird man noch in Jahren lachen. Auch alle anderen Darsteller lassen sich vom Niveau der Drehbuch-Texte anstecken: "Diese ganzen Menschen, die können doch nicht umsonst gestorben sein. Das muss doch etwas bedeuten, für Dich, für mich." Na dann. </P><P>- läuft hier im Kino<BR><BR>"September"<BR>mit Moritz Rinke, Catharina Schuchmann<BR>Regie: Max Färberböck<BR>Unerträglich </P><P> </P><P> </P><P><BR> </P>

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