Baader als Pop-Figur

- Regisseur Christopher Roth, Jahrgang 1965, wuchs in München auf. Obwohl er keine Hochschul-Ausbildung absolviert hat, ist er ein erfolgreicher Werbefilmer geworden. Mit seinem Spielfilmdebüt "Loosers!" drehte er 1995 eine der schönsten und frechsten deutschen Komödien der 90er-Jahre. Nach der TV-Produktion "Candy" (1998) präsentierte er seinen zweiten Spielfilm "Baader" im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb und gewann den Alfred-Bauer-Preis für Nachwuchsfilme. Pünktlich zum Todestag von Andreas Baader und Gudrun Ensslin, der sich morgen zum 25. Mal jährt, kommt der Film in die Kinos.

<P>Warum interessieren sich in Ihrem Film Marxisten für Lippenstift? <BR><BR>Roth: Die Ansicht, dass Linke oder Idealisten auch in den allerletzten Klamotten herumlaufen müssen, ist falsch. Baader war auf seine Art konsumgeil; einer, der sich für schnelle Autos interessiert hat, der seine Hosen enger genäht hat. Gudrun Ensslin war einmal verschwunden, und alle aus der Gruppe dachten, sie sei geschnappt worden. Da war sie auf dem Höhepunkt der Fahndung im Kaufhaus gewesen und hat sich ein Parfüm gekauft. Sie wurde ja auch im teuersten Modeladen Hamburgs verhaftet, als sie ein blaues Lederjacket anprobiert hat. <BR><BR>Was war Ihr Grundansatz? <BR><BR>Roth: Die historischen Ereignisse habe ich gar nicht mitbekommen. In meinen Kindheitserinnerungen ist das Deutschland der 70er-Jahre unendlich trostlos, alles ist grau, die Männer tragen braune Kassenbrillen. Der Ausweg waren amerikanische Filme. Und dann die Olympiade 1972. Mit diesen Eindrücken vermischt sind die Bilder vom deutschen Terrorismus. Mit meinem Ko-Autor Moritz von Uslar habe ich ein erstes, viel zu langes Drehbuch hergestellt. Es gab auch eine Fassung, bei der Baader heute noch am Leben ist und in Paris lebt. Es wurde dann peu à peu verbessert. Ich habe dafür lange Gespräche mit ehemaligen RAF-Mitgliedern und mit dem Ex-BKA-Chef Horst Herold geführt. Ein toller, hochintelligenter Mann, der für Baader viel Anerkennung, fast eine Zuneigung empfand. <BR><BR>Es gibt in Ihrem Film eine Art freundliche Beziehung zwischen dem BKA-Mann Krone, der für Horst Herold steht, und Baader. Wieso? <BR><BR>Roth: Herold selbst hat einmal gesagt: "Niemand hat mich so gut verstanden wie Baader, und ich habe niemanden so gut verstanden." Herold hat lange versucht, zu deeskalieren, war auch der Meinung, die RAF sei kein Problem in den Köpfen der Studenten, sondern ein Problem der Gesellschaft. <BR><BR>Was hat Sie an Andreas Baader als Filmstoff fasziniert? <BR><BR>Roth: Der Zusammenhang von Politik und Ästhetik. Auch die Liebesgeschichte zwischen Ensslin und Baader. Das wilde Leben, das sie kurze Zeit geführt haben und das von revolutionärer Strenge weit entfernt war. Ich finde, alles, was er gemacht hat, ist nicht eindeutig gut oder böse. Das Zusammenspiel zwischen Fakten und Fiktion ist im Kino interessant. Dagegen kann ich einem vordergründigen Realismus, wie ihn Dokumentarfilmer behaupten, wenig abgewinnen. Gerade bei Biografien im Stile meines Films muss man sich immer wieder klar machen: So war es nicht. Darum darf Baader ein Actionheld sein oder eine Pop-Figur. <BR><BR>Andreas Baader ein Pop-Held? <BR><BR>Roth: Das war ja das, was ihn ausgemacht hat, warum er die anderen in die Gruppe hineingezogen hat. Denen musste er nicht erklären, wie Marxismus-Leninismus funktioniert. Aber ich sage auch nicht: Das ist alles nur Pop. Ich will keine Eindeutigkeit der Bewertung. Der Film soll auch meine eigenen Zweifel mitteilen. Ich habe ein Unbehagen gegenüber Authentizität. <BR><BR>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland <BR></P>

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