"Battle in Heaven": Lauter letzte Tage

- Filme sind, wenn sie glücken, immer Tagträume, emotionale Reisen durch Zeit und Raum oder ins eigene Ich. Auch private Geschichten können aufs Große, Ganze zielen. So wie "Battle in Heaven" ("Schlacht im Himmel") des Mexikaners Carlos Reygadas. Eine abgründige Erzählung von lauter letzten Tagen: Der Chauffeur eines mexikanischen Armeegenerals hat mit seiner Frau ein Kind entführt, jetzt ist es tot, und der Mann kommt nicht darüber hinweg. Er will sich stellen, doch schafft er es nicht.

Sittenbild und Drama einer Erlösungssehnsucht

Seine gewissenlose, jedes Gefühl in ihren Fettmassen erstickende Frau bleibt ungerührt. Ab und an betet sie zur heiligen Jungfrau von Guadalupe und wartet auf ein Wunder. Der Chauffeur gesteht alles der Tochter seines Chefs, sie schläft mit ihm, wohl aus Mitleid, und am Ende entlädt sich auch diese Beziehung in einem kruden Gewaltakt.

Wovon Reygadas erzählen will, ist genau von dieser Unverständlichkeit, vom Chaos des Lebens mit seinen Zufällen und seinem Elend. Wie vor 30 Jahren in Bernardo Bertoluccis Paris Marlon Brando und Maria Schneider, tanzt Reygadas schräges Liebespaar in Mexico-City einen melancholischen letzten Tango, bevor nichts mehr so sein wird wie zuvor. Zugleich würzt der Regisseur alles mit politisch-religiösen Anspielungen auf die Lage in seiner Heimat, auf den Katholizismus und taucht sie in lange Einstellungen - der Film ist Sittenbild, Stadtansicht und Drama einer Erlösungssehnsucht. Das sehr ruhig erzählte Werk hat ein paar wilde, überdies sexuell sehr explizite Einstellungen, die die Aufmerksamkeit für ihn nicht gerade verringern. Skandalös ist das alles aufgrund der Deutlichkeit, aber auch der ungeschönten Körper und wegen des sozialen Gefälles, das hier immer präsent bleibt - schließlich ist es eine Generalstochter, die dem Chauffeur ihres Vaters durchaus freiwillig zu Diensten ist.

Der Streifen ist gefüllt mit Anspielungen auf die Filmgeschichte und auf die europäische Hochkultur: Bilder von Vermeer und Gericault, diverse Jesusdarstellungen sowie Musikstücke von Bach sind prominent platziert und entwerfen einen zusätzlichen Bedeutungshorizont. Viele der außergewöhnlichen Bilder und Augenblicke erinnern sonderbarerweise an Filme, wie man sie aus Österreich kennt, vor allem von Ulrich Seidl ("Hundstage") - auch ein explizit katholischer Filmemacher. Und wie Seidls Filme ist auch "Battle in Heaven" gesättigt mit schwerblütigen Passagen und Bizarrem. Einer der sehenswertesten und ungewöhnlichsten Filme des Jahres.

(Ab morgen in München: Maxim.)

"Battle in Heaven"

mit Marcos Hernandez, Anapola Mushkadiz

Regie: Carlos Reygadas

Hervorragend *****

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