Bedrohlicher Clown

Jack Nicholson: - Es ist das Gesicht. Total alltäglich. Weder besonders ansprechend noch besonders hässlich. Ein ganz normales Männergesicht. Und doch ist dessen Träger, ist Jack Nicholson, zum echten Hollywood-Star aufgestiegen - und ist es über die Jahrzehnte mit drei Oscars und zwölf Nominierungen geblieben.

Wenn wir alten Europäer ihm und seinem Antlitz zusehen, wie es sich wie ein selbstständiges Wesen von ihm ablöst, wie es zu einer unglaublich beweglichen, variablen Ausdrucksmaske wird, dann wünschen wir uns dringlich den US-Amerikaner auf eine Bühne. Was wäre da im "Zusammenstoß" mit einem guten Regisseur alles möglich!

Der oft unterforderte Künstler, der selbst weidlich mit seinem Klischee als diabolischer Sexprotz kokettiert und sich dabei selbst ausgiebig ironisiert, feiert an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag. Dass er sich, seine Rolle in der Filmlandschaft und in der öffentlichen Wahrnehmung ganz genau analysiert hat, beweisen Sätze wie: "Mit meiner Sonnenbrille bin ich Jack Nicholson. Ohne sie bin ich dick und siebzig." Hinter all den flapsigen Sprüchen steckt der sensible Beobachter, der diverse Schutzmechanismen um seinen innersten Kern gebaut hat. Seine Mutter war 16, als sie Jack bekam. Das erfuhr er aber erst als Mann von fast 40 Jahren. Bis dahin war June seine große "Schwester" seine Oma die "Mutter". Auch später gab es viele Beziehungen zur Weiblichkeit - fünf Kinder von vier Frauen ­, aber alle waren auf die Dauer glücklos.

Über Jobs bei Metro-Goldwyn-Mayer in den späten 50er-Jahren rutschte Jack Nicholson ins Filmgeschäft: kleine Rollen, kleine Regieaufträge. 1969 kam jener mythische Moment, der ein Leben total verändert: "Easy Rider" wurde zu d e m Sinnbild für eine Generation. Nicholson konnte den Erfolg einige Jahre später noch mit "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975) übertreffen. Sein Porträt eines subversiven Schlitzohrs, das eine übermächtige Institution unterwandern möchte, ist eine wunderbare Studie in clownesker Selbstüberschätzung, surrealer Fröhlichkeit und Beckett‘scher Depression. Die Fragilität des sich tarnenden Verlierers hatte Nicholson schon in "Chinatown" (1974) ausgekostet.

Danach baute er den mal irrsinnigen, mal professionellen Bösewicht zwischen "The Shining" (1980), "Die Ehre der Prizzis" (1985) und jetzt "The Departed - Unter Feinden" aus. Nicholson ist ein viel zu guter und kluger Schauspieler, um nicht immer wieder aus der Monster-Charge auszubrechen. Er weiß, dass der kleine Verlierer, dass diese Figur, die ihn sein Leben lang begleitet hat, viel interessanter ist als die dämonischen Ausnahme-Kerle. So modellierte er zum Beispiel in "About Schmidt" (2001) mit der Liebe und Hingabe eines wahren Künstlers ein kleines Leben - und schuf damit Wahrhaftigkeit.

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