Es beginnt mit dem blutgetränkten Ende

- Lange hat es gedauert, bis der Skandalfilm des letztjährigen Festivals in Cannes den Weg in die Lichtspielhäuser gefunden hat. Nun haben die Kinogänger auch hierzulande wieder einen echten Aufreger. 200 Personen haben damals den Vorführsaal verlassen, gut ein Zehntel des Publikums. "Unerträglich" oder "widerlich" waren die vernichtenden Urteile. Man kann den Leuten nur Recht geben. Und trotzdem ist "Irreversible" einer der packendsten Filme des Jahres. Einer der verstörendsten allerdings auch.

<P>Regisseur Gaspard Noé erzählt die Geschichte einer Vergewaltigung und der folgenden, archaischen Rache. Das indes nicht chronologisch, sondern von hinten nach vorn.<BR><BR>Noés drastischer und ungeschönt inszenierter Film beginnt also mit dem blutgetränkten Ende: Fahrig, nervös und hektisch wackelt eine Handkamera durch dunkle Gänge einer Pariser Sado-Maso-Disco. Zwei aufgebrachte Männer, sichtlich nicht mehr nüchtern, drängen, prügeln und pöbeln sich durch die Räume, immer auf der Suche nach einem Kerl namens Tenia. Endlich glauben sie den Richtigen gefunden zu haben. Und in einem Rausch der Gewalt zertrümmert einer der beiden dem angeblichen Tenia des Gesicht mit einem Feuerlöscher.<BR><BR>Das Skandalwerk des Festivals in Cannes</P><P>Die nächste Szene zeigt die Taxifahrt der beiden Männer Marcus (Vincent Cassel) und Pierre (Albert Dupontel) zu diesem Etablissement, und so arbeitet sich Noé Schritt für Schritt rückwärts. Er schildert die Party, die Alex (Monica Belucci), Freundin von Marcus, früher verlässt, weil sie müde ist, und anschließend sehr ausführlich in einer über neun Minuten langen Einstellung ohne jeden Schnitt, wie ein Unbekannter Alex in einer Unterführung vergewaltigt.<BR><BR>Irgendwann zwischen all den kurzen, rückwärts aneinander montierten Etappen, in denen die drei Freunde zur Party fahren, sich vorher anziehen und einen Treffpunkt am Telefon verabreden, wird die Kamera immer ruhiger, ausgeglichener und weniger nervös. Der Blick korrespondiert mit dem Gemütszustand von Marcus, der in einer der letzten, eigentlich ersten Szenen des Dramas erfährt, dass er demnächst Vater werden wird. Und erst in diesen letzten Episoden wird klar, was die Vergewaltigung alles zerstört hat. Das Glück eines jungen Paares, die Harmonie einer Clique, das banale, alltägliche Leben in mitunter auch betulich-langweiliger Geborgenheit.<BR><BR>Fragwürdig bleibt jedoch, trotz aller guter Absichten Noés, die Zuschauer mit krassesten Mitteln und einer gehörigen Portion Polemik aufrütteln zu wollen, die Moral der Geschichte: Egal wie brutal ein Verbrechen sein mag - kann es das Tier im Menschen, kann es eine wild rasende Selbstjustiz rechtfertigen? Die Antwort muss immer ein klares Nein sein. </P><P>(In München: Mathäser, Marmorhaus, Cinema i.O.)<BR><BR>"Irreversible"<BR>mit Monica Belucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel<BR>Regie: Gaspard Noé<BR>Sehenswert </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
München - John Hamburgs „Why him?“ variiert fantasielos das Duell Schwiegervater-Schwiegersohn.
Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
München - „Hell or High Water“ ist ein höllisch unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel im modernen Wilden Westen.
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
München - Roger Spottiswoode verfilmte den Bestseller „Bob, der Streuner“ angenehm kitschfrei.
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung
München - „La La Land“ ist eine gesungene und getanzte Liebeserklärung an das Leben, die Leidenschaft und Los Angeles.
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung

Kommentare