Es ist wie beim Pferderennen

- Mit seinem Doppelporträt "Black Box BRD" über den RAF-Terroristen Wolfgang Grams und den Bankier Alfred Herrhausen hat Regisseur Andres Veiel dem Genre der nüchternen Dokumentationen ein neues Gesicht verliehen: Gefühlvoller und einfühlsamer als üblich beobachtete er seine Akteure, interviewte Umfeld, inspizierte soziale Gegebenheiten. Ähnlich verhielt sich Veiel in seinem neuen Film "Die Spielwütigen", einer Langzeitdokumentation über Schauspielschüler an der Ernst-Busch-Schule in Berlin.

<P>Warum ein Film über Schauspielschüler? Haben Sie eine besondere Affinität zum Theater?<BR><BR>Veiel: Ich habe früher einmal im Gefängnisknast Theater gemacht mit den Häftlingen, und auch meine allerersten Filme hatten alle etwas mit dem Themenfeld zu tun.<BR><BR>Was reizt Sie am Theater besonders?<BR><BR>Veiel: Mich hat diese Trennlinie interessiert zwischen dem Dokumentarischen, dem Beobachten auf der einen Seite, und der Inszenierung, also auch der Fiktionalisierung von Biografie, auf der anderen Seite. Ich bin der Meinung, die Fiktion ergänzt das Dokumentarische.<BR><BR>Wie soll das aussehen, damit es nicht unseriös wird?<BR><BR>Veiel: Ich erkläre das mal an einem Beispiel. Ich habe eine 80-jährige Schauspielerin interviewt und wollte etwas über ihr angeblich sehr bewegtes Privatleben erfahren. Da kam kaum etwas. Sie hat einfach nichts erzählen wollen. Wir haben uns eine Zeit lang über Peter Weiss und seine Stücke unterhalten, und daher bat ich sie schließlich, mir eine bestimmte Passage aus dem "Marat" vorzulesen. So einen ganz obszönen Text, sehr vulgär. Anfangs hat sie sich gewehrt, als sie aber schließlich die Zeilen las, lag da so viel mehr von ihr drin, als sie mir jemals preisgegeben hätte, wenn ich nur ein paar Fragen gestellt hätte.<BR><BR>Es geht also darum, den Moment einzufangen, in dem Ihr Gegenüber kurzzeitig die Maske fallen lässt?<BR><BR>Veiel: Genau. Wichtig ist nur, dass die Fiktion nicht nur behauptet wird. Das funktioniert aber nicht immer. Es gibt ja manche Schauspieler, denen glaube ich nicht einmal, wenn sie "Guten Tag" sagen.<BR><BR>Warum die Entscheidung, Schauspielschüler als Forschungsobjekte auszuwählen?<BR><BR>Veiel: Mich hat dieser Mythos interessiert, der die Aufnahme in eine Schauspielschule bis heute umgibt. Dieses knallharte Selektieren, dieses monatelange Leiden und die harschen Absagen. Das war schon immer so, und nie ist es freundlicher geworden Das hat mich fasziniert. Abgesehen natürlich von dem Elite-Gedanken, der heute ja plötzlich wieder sehr aktuell ist. Nur ganz wenige werden auserkoren, daran teilzunehmen. Und die können sich auch nicht zurücklehnen, wenn sie's geschafft haben, sondern müssen sich jeden Tag aufs Neue beweisen. Ich wollte das einfangen: die Angst, die nie endet.<BR><BR>Was macht den Reiz einer Langzeitbeobachtung aus?<BR><BR>Veiel: Entwicklungen finde ich einfach spannend. Und die passieren meistens nicht von heute auf morgen, sondern es vergehen ein paar Tage, bis sich im Alltag eines Menschen wirklich etwas tut. Wann hat man schon einmal sein gesamtes Leben von einer Minute auf die andere völlig verändert? Den Mut dazu haben die wenigsten, und deswegen sieht man das meistens nur im Kino.<BR><BR>Die Schauspielschüler sind am Ende recht desillusioniert...<BR><BR>Veiel: Damit hatte ich selbst nicht gerechnet. Man überlegt sich natürlich im Laufe eines solchen Projektes, was wohl aus den "Schützlingen" werden kann. Ich war trotzdem überrascht, was aus einigen von ihnen wurde. Anfangs wollte ich nur sehen, wie werden diese jungen Leute innerhalb eines so starren Systems erwachsen. Irgendwann war dieses Thema dann eher an den Rand gerückt, und ganz andere Themen standen im Mittelpunkt meiner Dokumentation. Das gefällt mir am Filmen: Es ist wie beim Pferderennen. Man weiß nie, wie es ausgeht.</P><P>Das Interview führte Ulrike Frick<BR></P>

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