Berührungspunkte

- "Das neue Hollywood liegt in Asien!" Klarer als Venedig-Chef Marco Müller zur Eröffnung der 62. Filmfestspiele kann man es nicht sagen. Diese Einsicht ist zwar nicht neu, Müller allerdings zieht aus ihr die Konsequenzen. Neun Wettbewerbsfilme sowie viele weitere in den Nebenreihen stammen aus Asien. Unter dem Titel "Die verborgene Geschichte des asiatischen Kinos" zeigt Müller in der Retrospektive unbekannte Klassiker seit den 30er-Jahren aus China und Japan. Zudem erhält noch der Animationsmeister Hayao Miazaki einen Ehrenlöwen.

Ein Eindruck stellt sich dabei ein: Die Berührungspunkte sind größer, als man glaubt. Angesichts universeller Erfahrungen wie die der Liebe, des Todes und des Strebens nach Freiheit, angesichts auch der historischen und technischen Geschichte verdampfen viele kulturelle Differenzen - so sehr jeder einzelne Film den Sinn für sie schärft.

Sieht man dann etwa den neuen Film des Japaners Takeshi Kitano, erkennt man schnell, dass dieser auch von einem Europäer stammen könnte: "Takeshi's", als "Überraschungsfilm" im Wettbewerb, ist die stilistisch ehrgeizige Selbstreflexion des Regisseurs und Komikers. Er spielt sich selbst in einer Doppelrolle, die seine Persönlichkeit in den öffentlichen Takeshi und den privaten Kitano spaltet. Während Takeshi seiner Berühmtheit nicht entkommen kann, ist Kitano ein erfolgloser Schauspieler, der von Alpträumen heimgesucht wird. Der Regisseur thematisiert hier die eigene Einsamkeit und Angst, das Dilemma eines weltweit erfolgreichen Künstlers, der sich nicht wiederholen will.

Ein westlich-asiatischer Grenzgänger in der anderen Richtung ist Ang Lee: Der Amerikaner, der seine Doppelidentität immer wieder nutzt, erzählt in "Brokeback Mountain" zunächst scheinbar einen Spätwestern über zwei junge Männer, die im Jahr 1963 den Sommer über in den Bergen von Wyoming Schafe hüten. Doch die Tage sind einsam und die Nächte kalt, und so werden sie, auch für sie selbst überraschend, ein Liebespaar. Ähnlich wie Wim Wenders in "Don't come knockin'" beschwört Lee dabei Landschaften und Bilder der Western, ohne dass er ihnen wirklich Neues abgewinnen kann.

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