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Mit dem Zweiten sieht man besser: Bill Nighy albert gern herum – wie hier vor den Kameras der Fotografen beim Filmfest München, wo er seinen neuen Film vorstellte.

Interview zum Kinostart von „Ihre beste Stunde“

„Schauspielen kannst du nicht lernen“

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Nein, zur Vorführung bleibt er nicht. „Ich weiß, der Film ist gut! Ich war ja dabei“, kommentiert der britische Schauspieler Bill Nighy trocken. Beim Filmfest München stellte der 67-Jährige das Drama „Ihre beste Stunde“ in München vor – um in dem Moment, als sich der Vorhang öffnete, zu verschwinden. Wenn man dem Golden Globe-Gewinner, der durch Rollen wie den abgehalfterten Rocksänger in „Tatsächlich... Liebe“ längst Hollywood erobert hat, glauben darf, geht er nie in Filme, in denen er mitgespielt hat.

-In „Ihre beste Stunde“ geht es um die Kraft von Film. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Kinobesuch?

Ich erinnere mich nicht an den allerersten Besuch, weiß aber, dass ich Kino schon früh geliebt habe. Es gab in meiner Kindheit samstagsvormittags Vorstellungen für die Kleinen. Chaotisch – ein Kino voller Kinder! Ich erinnere mich genau daran, als „Bambi“ lief – nach der Szene mit dem Waldbrand musste meine Oma mich nach Hause bringen. Weil ich einfach nicht verstehen konnte, wie sie erlauben konnten, dass die Mutter stirbt! Und dann „Reach for the Sky“, in dem ein Mann im Krieg beide Beine verliert. Wieder musste ich heim. Es war einfach zu schrecklich.

-Sie haben also schon als Kind gespürt, wie einnehmend Kino sein kann. Darum geht es auch in „Ihre beste Stunde“.

Ja, der Film zeigt, welche Rolle Kino während des Zweiten Weltkriegs gespielt hat. Die Menschen besaßen zwar Radios, aber das große Ereignis war das Kino. Es war eine schreckliche Zeit, Menschen starben rund um die Uhr. Die Regierung erzählte Lügen in den Filmen, erzählte Heldengeschichten. Denn es gab keine guten Nachrichten. Diese Filme waren entscheidend, um die Moral der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Es wird oft unterschätzt, welchen Einfluss Filme auf uns haben. Wir glauben, was wir sehen. Entsprechend groß ist die Verantwortung der Filmemacher.

-Auch heute noch? Sind wir nicht übersättigt angesichts all der Reize, die auf uns einströmen?

Natürlich hatte Kino damals insofern eine andere Wirkung, als es neu war und die Menschen schon von dem Medium an sich fasziniert waren. Doch ein guter Film kann das Publikum noch immer packen. Klar: Es gibt weniger Dinge, die uns in echtes Erstaunen versetzen. Weil das Publikum sich allzu schnell gewöhnt. Deshalb muss die Art, wie man Geschichten erzählt, sich ständig weiterentwickeln, genau wie die technischen Mittel, die man einsetzt. Aber ich glaube, wenn du mit Ehrlichkeit, Verstand und Witz an die Sache gehst, kannst du das Publikum immer faszinieren.

-In „Ihre beste Stunde“ spielen Sie eine Schauspiel-Diva. Er mäkelt am Drehbuch herum, verlangt Sonderbehandlung. Typisch Schauspieler?

Nein, wir bedienen hier Klischees. Natürlich hat es schon Schauspieler gegeben, die Drehbücher verändert und damit vermasselt haben. Genau wie Produzenten, Kostüm- oder Maskenbildner – jeder hat schon mal durch blödes Verhalten das Ergebnis beeinträchtigt. Manche Filmemacher reden über Schauspieler, als wären sie ein Problem. Dabei wären sie ohne Schauspieler nichts. Schauspieler retten sie häufiger als dass sie ihnen Schwierigkeiten machen.

-Heute werden junge Schauspieler als Stars auf allen Kanälen gefeiert. Wird man da nicht zur Diva?

Nun, ich kann da nichts aus eigener Erfahrung sagen, aber klar, wenn du von 0 auf 100 gehst, auf einmal viel Geld verdienst, Menschen dich bewundern, muss es schwer sein, damit umzugehen. Allerdings gibt es genug Menschen, um die man sich Sorgen machen sollte, ehe man sich über junge, reiche Schauspieler den Kopf zerbricht.

-Im Film sind Sie Schauspiellehrer für einen jüngeren Kollegen. Sind Sie das auch im echten Leben?

Oh, nein! Viele Leute geben sich als Lehrer und erzählen, dass Schauspielerei wahnsinnig kompliziert sei. Aber Menschen, die Geld dafür erhalten, über Schauspielerei zu reden, müssen ihr Thema natürlich entsprechend verkaufen. Deshalb fangen sie an, Dinge zu erzählen, wie: Man muss bestimmte Gefühle während des Spiels haben. Das ist absoluter Blödsinn – die Zuschauer interessieren sich nicht dafür, was du fühlst! Ich habe nie jemanden unterrichtet und werde das auch nicht tun. Die meisten jungen Schauspieler sind sowieso besser, als ich es je war. Nicht die meisten, aber viele. Es kommt nicht darauf an, wie alt du bist. Du hoffst, dass Erfahrung in irgendeiner Weise dein Spiel verbessert, doch die Wahrheit ist: Das Alter spielt keine Rolle. Wie beim Fußball: Viele Kommentatoren rufen bei jungen Spielern anerkennend: „Oh, er ist doch noch so jung!“ – nein, er ist so weit! Du musst nicht reifen, um gut im Schauspiel zu sein. Es ist kein Handwerk.

-Kann man es lernen?

Nein. Das meinen viele, weil es so einfach ausschaut – aber genau das ist ja der Trick, dass Schauspieler es einfach ausschauen lassen. Gleichzeitig gehört aber viel mehr dazu, etwa, 50 Minuten zu warten, bis man wieder dran ist am Set. Das ist der schwierige Teil, dafür wirst du bezahlt. Du musst ans Set gehen, wo 100 Leute dich anstarren, auf einmal leise werden und erwarten, dass du ablieferst. Und wenn erwartet wird, dass du lustig bist, dann sei lieber lustig. Das ist schwierig, weil es eben kein natürliches Gefühl ist, das du da gerade tatsächlich erlebst, du musst es abrufen können.

-Und dann noch die Kritiken aushalten...

Die lese ich schon seit 20 Jahren nicht mehr. Es ist die Meinung einer einzelnen Person! Ich gehe doch auch nicht auf die Straße und frage einen x-beliebigen Menschen: Wie hat dir der Film gefallen? Oft ist es doch so: Du liest eine Kritik, die behauptet, ein Film sei eine Katastrophe – dann gehst du ins Kino und merkst, dass er dir aber außerordentlich gut gefällt. Film-Genuss ist so individuell, es hängt sehr davon ab, wie man sich gerade fühlt. Oder welche Drogen man genommen hat. (Lacht.)

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