Bittere Lebensbilanz

- Das Gesicht aufgedunsen, zerfurcht, der Blick leer: So hat man Robert Redford im Laufe seiner Karriere noch nie gesehen. Zum ersten Mal wirkt der 67-Jährige wie ein alter Mann und das zeugt zum einen vom Ehrgeiz des Schauspielers und zum anderen vom Mut des Regie-Debütanten Pieter Jan Brugge.

<P class=MsoNormal>Redford spielt in "Anatomie einer Entführung" den erfolgreichen, aber innerlich von Unzufriedenheit zerfressenen Unternehmer Wayne Hayes, der ein scheinbar sorgloses Leben führt. Aber das Idyll zerbricht von einem Moment auf den anderen. Hayes wird entführt. Während seine Frau (Helen Mirren) um sein Leben bangt und sich angesichts der Resultate der polizeilichen Ermittlungen ungeahnte Risse in der schönen Fassade des erfüllten amerikanischen Traumes eingestehen muss, verhandelt Hayes mit dem Kidnapper (Willem Dafoe) verzweifelt um sein Leben. Geschäftsmann, der er ist, lotet er in jeder Sekunde seine Chancen aus, sucht nach Schwächen beim Gegner und hat doch nicht den Hauch einer Chance.</P><P class=MsoNormal>In "Anatomie einer Entführung" werden viele Erwartungen und Konventionen gebrochen. Die Geschichte einer Geiselnahme ist nur der zufällige Auslöser einer bitteren Lebensbilanz. In den kurzen, aber leidenschaftlichen Diskursen zwischen Geisel und Kidnapper über Sinn und Gerechtigkeit des Wirtschaftssystems, das den einen reich und den anderen arm gemacht hat, wird die Existenz des lustbetonten Gewinner-Typs in Frage gestellt. Redford und Dafoe ergänzen sich in diesen packenden Wort-Gefechten perfekt.</P><P class=MsoNormal>Die bemerkenswerteste Leistung freilich gelingt Helen Mirren. Als desillusionierte und doch unerschütterlich loyale Ehefrau demonstriert sie makellos, was Schauspielerei auch sein kann  das, was man nicht sieht. Ein leiser, aber eindringlicher Film, der lange nachhallt. Darüber hinaus eine außergewöhnliche Ode an die Liebe, die sich in den merkwürdigsten Augenblicken offenbart. (In München: Mathäser, Leopold, Museum i.O.)</P><P class=MsoNormal>"Anatomie einer Entführung"<BR>mit Robert Redford, Helen Mirren<BR>Regie: Pieter Jan Brugge<BR>Hervorragend</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
München - John Hamburgs „Why him?“ variiert fantasielos das Duell Schwiegervater-Schwiegersohn.
Trailer zu „Why him?“: Nicht gesellschaftsfähig
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
München - „Hell or High Water“ ist ein höllisch unterhaltsames Katz-und-Maus-Spiel im modernen Wilden Westen.
„Hell or High Water“: Kein Land für arme Schlucker
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
München - Roger Spottiswoode verfilmte den Bestseller „Bob, der Streuner“ angenehm kitschfrei.
„Bob, der Streuner“: Der Junkie hat einen Kater
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung
München - „La La Land“ ist eine gesungene und getanzte Liebeserklärung an das Leben, die Leidenschaft und Los Angeles.
Kritik zum Kinofilm „La La Land“: Hinreißende Liebeserklärung

Kommentare