+
Eine liebevolle Illustration der jungen Liebe: Adèle (Adèle Exarchopoulos, li.) und Emma (Léa Seydoux) kommen sich näher.

Filmkritik zum Kinostart

"Blau ist eine warme Farbe": Gewinner in Cannes

Berlin - Mit „Blau ist eine warme Farbe“ gewann Abdellatif Kechiche in diesem Jahr die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes. Unsere Filmkritik zum Kinostart:

„Das ist eindeutig eine Mode.“ Mit diesen Worten reagierte die französische Christdemokratin Christine Boutin auf die Frage, was sie denn vom diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme, Abdellatif Kechiches „Blau ist eine warme Farbe“ halte. Mit „das“ meinte sie die im Film thematisierte Homosexualität. „Es gibt heute keine Geschichte mehr ohne homosexuelle Geschichte.“ Damit hat die Politikerin freilich Recht. Es gab noch nie Geschichte ohne homosexuelle Geschichte, weil Homosexualität nicht erst seit den alten Griechen zum Menschsein dazugehört. Die homosexuelle Geschichte wurde nur phasenweise ungern erzählt, weil sie nicht ins Raster passte.

In Frankreich wurde viel über Kechiches Drama diskutiert. Die Schauspielerin Léa Seydoux warf dem Regisseur Tyrannei vor und zeigte sich geschockt, ob der eindeutigen Bilder, die der fertige Film von ihr enthält. In der Tat packt das Drama ein heißes Eisen an. Ausgehend von einem Comicroman der Französin Julie Maroh erzählt der Regisseur vom Liebesleben einer 15-jährigen Schülerin. Dieses Leben nun entspricht nicht dem, was der „Normalbürger“ landläufig unter homosexuell versteht. Der denkt zunächst an die männliche Homosexualität.

Zur Erinnerung: Als im Jahr 2005 die amerikanische Produktion „Brokeback Mountain“ über zwei schwule Cowboys erschien, gab es jede Menge Aufhebens. Ultrakonservative empörten sich vor allem in den USA. Die Aufgeklärten dagegen freuten sich, dass an der heterosexuellen Matrix, welche die Welt in Mann, Frau und sonst nichts einteilt, heftigst gerüttelt wurde. Damals rannte jeder kulturinteressierte Mensch zwischen Pasadena und Prag ins Kino.

Einen solch globalen Rummel wird es diesmal wohl nicht geben. Nicht nur, weil „Blau ist eine warme Farbe“ ein französischer Film ist, sondern weil es darin um Lesben geht. Und die sind noch stärker marginalisiert als Schwule, weil sie das Pech haben, nicht nur Homosexuelle, sondern auch Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft zu sein. Lebten wir in einer anderen Welt, wäre Kechiches Werk ein ganz normales, wenn auch liebevoll und etwas zu langatmig geratenes Beziehungsdrama: Schülerin Adèle (beeindruckend authentisch: Adèle Exarchopoulos) bandelt zunächst mit einem Jungen an. Schnell aber merkt sie, dass sie sich stärker zur Kunststudentin Emma (Léa Seydoux) hingezogen fühlt. Die kleinen Romanzen und Tragödien, die sich da abspielen, gehen dem Regisseur leicht von der Hand. Spröder Humor, der die Menschen in ihrem Alltag – etwa beim Essen – karikiert, viel Verständnis für Außenseiter, Intellektuelle und Sensibelchen, keine Musik (es sei denn, sie entspricht der Situation). Erst als die Verliebten Emma und Adèle im Museum die Bilder nackter Frauen bestaunen, erklingt klassische Filmmusik.

Was „Blau ist eine warme Farbe“ vom normalen Beziehungsgeplänkel (erste Schwärmerei, Alltag, Trennung, Frust) unterscheidet, ist nicht allein die Illustration einer jungen Lesbenliebe, die dem Ablauf heterosexueller Liaisons letztlich bis auf das i-Tüpfelchen gleicht. Es sind die ausgedehnten, explizit dargestellten Sexszenen: eine onanierende Schülerin, zwei Frauen, die sich ineinander verlieren, wollüstige Weiber, deren Libido satt und fordernd dargestellt wird, egal ob der Sex nun realistisch oder unrealistisch sein sollte – was die Comicautorin Julie Maroh bemängelte. Damit mag Kechiche die Grenzen zur Pornografie streifen. Damit verleiht er den Frauen, seien sie nun lesbisch, bi oder hetero, jedoch auch jene erotische Macht, die ihnen vor langer, langer Zeit genommen wurde. Dass sich die öffentlichen Diskussionen nun vor allem darum drehen, ob Léa Seydoux zu viel Haut gezeigt hat oder nicht, wirkt da fast noch piefiger als das wirre Plappern einer realitätsfernen Politikerin.

von Katrin Hildebrand

Kinostarts der Woche

Die weiteren Kinostarts der Woche, stellen wir in einem Video vor.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Neuer „Harry Potter“-Film kommt - mit einem kleinen Haken
Den von J. K. Rowling erfundenen Zauberlehrling Harry Potter aus Hogwarts kennt jeder. Doch die Produzenten eines anderen Films werfen der Schriftstellerin vor, die Idee …
Neuer „Harry Potter“-Film kommt - mit einem kleinen Haken
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
Trauer um Roger Moore: Der James-Bond-Darsteller ist mit 89 Jahren an Krebs gestorben. Hier lesen sie einen Nachruf auf Roger Moore. 
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
„Pirates of the Caribbean 5“: Routine statt Spannung
Johnny Depp torkelt über die Schiffsplanken, Javier Bardem zeigt Vampirzähnchen - und ein junges Liebespaar gibt es auch. Disneys unverwüstliche Piratensaga geht mit …
„Pirates of the Caribbean 5“: Routine statt Spannung

Kommentare