Der blaue Turnschuh

- Das erste Bild verrät schon viel: Eine junge Frau im Nachthemd liegt auf dem Sofa. Sie tut, was man im Kino nicht darf, blickt direkt in die Kamera, lächelt ironisch und hebt damit alle Distanz auf. Diese junge Frau ist eine von uns, trotz Perücken und Kostümen fallen Spät-Rokoko und Gegenwart in eins. Diese Frau ­ schön, reizend und lebendig ­ ist Kirsten Dunst als Marie Antoinette in Sofia Coppolas drittem Film.

"Marie Antoinette" ist das Gegenteil einer historischen Dokumentation, obwohl Ludwig XVI. als verzogener und zeugungsunwilliger Neurotiker ziemlich gut getroffen ist und auch die übrige Handlung weitestgehend auf Fakten beruht. Aber Coppola will etwas anderes. Sie zeigt ein Bild des 18. Jahrhunderts, das weder Kubricks "Barry Lyndon" noch Jean Renoirs "La Marseillaise" wiederholt, weder Tragödie noch Systemanalyse ist. Das vor 1789 rechtlose, hungernde Volk, kommt nicht vor. Warum? Weil es auch im Leben der Königin nicht vorkam ­ und der Film von eben dieser Königin handelt.

Diese subjektive und aktualisierende Betrachtungsweise ist übrigens keine Erfindung von Coppola. Es genügt, hierfür Stefan Zweigs Roman "Marie Antoinette" zu lesen oder Antonia Frasers Biografie. Und dieser Stoff ist nach wie vor hochaktuell, nicht nur wegen "Lady Di" und anderer Pop-Royals unserer Zeit. Denn es soll ja auch außerhalb der europäischen Höfe Menschen geben, die sich mehr für ihre Schuhe interessieren als für Armut.

Von moralischer Vorverurteilung ist der Film dennoch meilenweit entfernt. Er schaut auf seine Figur voller Neugier und Anteilnahme, kann mitunter nachempfinden, ist dann wieder befremdet. "Marie Antoinette" ist ein Film über Glamour und Konsum, über junge Frauen zu allen Zeiten, über Einsamkeit. Er könnte auch "Lost in Versailles" heißen, die Ähnlichkeiten zu Coppolas "Lost in Translation" sind unübersehbar. Dieses großartige Popmärchen ist ein Plädoyer für die Freiheit des Filmemachens, das nicht akzeptieren will, wie "man von Marie Antoinette zu erzählen hat".

Beim Maskenball tanzt die Gesellschaft daher zu Techno; ein schneller Zusammenschnitt von Luxusgütern zeigt mitten in kostbaren historischen Stiefeln für Sekundenbruchteile hellblaue Turnschuhe. Das sagt alles über die Haltung der Regisseurin, die von modernen Gefühlen erzählen möchte und wie stets eher driftet, als einem Plot zu folgen.

"Marie Antoinette" spart die berühmtesten historischen Ereignisse bewusst aus. Der Film zeigt lieber, wie es sich anfühlt, erst Prinzessin und dann Königin zu sein, immerzu im Rampenlicht zu stehen. Zeigt ebenso, dass es schön sein kann, reich und im Luxus zu leben. Man muss hier keine biografischen Parallelen zur Regisseurin ziehen, um zu spüren, dass hier eine kennt, was sie zeigt. Coppolas Königin, von Dunst nuanciert gespielt, ist ein Teenager voller Sehnsüchte, später ein einsamer, verletzlicher Mensch, der erst dem Hof, dann der Yellow Press und am Ende der Masse ausgesetzt ist, eine junge Frau, die in die Kälte kommt.

Modern daran ist, dass es Coppola gelingt, im Schicksal einer nicht einmal besonders sympathischen Frau das Zeitlose zu entdecken, und nebenbei noch etwas vom "Celebrity Kult" unserer Tage zu erzählen. Ein Meisterwerk!

Ab Donnerstag in München: Isabella, Eldorado, Atlantis i.O., Cinema i.O., Leopold, Maxx.

"Marie Antoinette"

mit Kirsten Dunst und

Marianne Faithfull

Regie: Sofia Coppola

Hervorragend

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