Bleistift spitzen

- Geht eine Frau zum Psychiater und irrt sich in der Tür. So beginnen Witze auf Schenkelklopfer-Niveau oder eben gute Spielfilme mit höchstem Anspruch. Denn die Frau beichtet dem nebenan praktizierenden Steuerberater William (Fabrice Luchini) ihre Eheprobleme. Der, schüchtern und gehemmt, wagt anfangs aus diversen Gründen nicht, das Missverständnis aufzuklären. Und irgendwann ist er einfach viel zu sehr an den weiteren Details aus dem Seelen- und Eheleben der schönen Klientin interessiert, um noch ein korrigierendes Wort über die Lippen zu bringen.

<P> "Intime Fremde" heißt die raffiniert konstruierte jüngste Arbeit von Patrice Leconte, und genau das sind die beiden zunächst füreinander. Da sitzen zwei Personen im selben Raum, die sich nicht kennen und einander doch auf eine Weise vertrauen, wie es sogar in den glücklichsten Beziehungen selten zu finden ist.<BR><BR>Die Ausgangssituation, die Leconte lange nur geringfügig von Treffen zu Treffen variiert, lässt vieles offen. Das schummrig ausgeleuchtete Haus, der düstere Flur und die antiquiert mit schwerem Eichenholz möblierte Kanzlei sehen aus, als ob nun ein Schocker im Stile von "Rosemaries Baby" folgen könnte. Die schnellen Schnitte und der dissonante Soundtrack tun ein Übriges, diesen Eindruck zu forcieren. Erst allmählich, sehr behutsam und reduziert nur in ein paar Gesten, Blicken und einem kleinen Heben der Mundwinkel deutet sich der künftige Handlungsverlauf an. Denn Lecontes Film deckt zwar den Horror auf, den eine totgelaufene Beziehung ausstrahlen kann. Letztlich dreht sich in "Intime Fremde" aber auch wieder einmal alles um die Liebe. <BR><BR>Typisch französisch. Typisch Leconte, der schon mit "Das Parfüm von Yvonne" Mitte der 90er-Jahre einen der besten Liebesfilme überhaupt drehte. Der aparte, sich ebenfalls nur aus Andeutungen zusammensetzende "Intime Fremde" kommt dem nahe. Das liegt vor allem an den beiden großartigen Hauptdarstellern, die dieses intensive, vor zurückgehaltener Emotion vibrierende Kammerspiel nahezu im Alleingang bestreiten. Sandrine Bonnaire ist Anna, die bekleidet mit zarten Strickjäckchen und Blümchenblusen auftritt und in einer dazu ganz unpassend drastischen Sprache die sexuellen Schwierigkeiten ihres Gatten seziert. <BR><BR>Fabrice Luchini, der ansonsten in vielen französischen Komödien den geschwätzigen Hanswurst gab, sagt hier meistens nichts. Sein Steuerberater guckt oftmals verdutzt oder konsterniert, und man kann Luchini gar nicht hoch genug loben, wie er dieser auf den ersten Blick so wenig attraktiven Rolle so viel Charisma, Wärme und dampfende Erotik verleiht. Und das, obwohl Leconte ihm nicht mehr Sex gestattet als Thomas Mann seinem Hans Castorp im Zauberberg: Einmal Bleistiftanspitzen, das genügt.<BR><BR>(In München: Isabella, Theatiner i.O.)<BR><BR>"Intime Fremde"<BR>mit Sandrine Bonnaire,<BR>Fabrice Luchini<BR>Regie: Patrice Leconte<BR>Hervorragend </P>

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