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„Erst am Ende seines Lebens besinnt er sich auf sein Judentum“: Mario Adorf (83) als Menachem Teitelbaum in „Der letzte Mentsch“.

„Es blieb das Gefühl der Scham“

München - Mario Adorf spricht im Merkur-Interview über die Verdrängung der Nazi-Zeit, seinen Begriff von Familie und seinen neuen Kino-Film.

Das Alter merkt man ihm nicht an. Konzentriert sitzt er zum Gespräch bereit. Dabei hat der 83 Jahre alte Mario Adorf im Augenblick viel zu tun: „Die Erfindung der Liebe“ kam gerade erst in die Kinos, an diesem Donnerstag startet „Der letzte Mentsch“ von Pierre-Henry Salfati, in dem er die Hauptrolle übernommen hat.

Hat man Ihnen die Rolle auf den Leib geschrieben?

Nein. Der Regisseur hat diese Rolle ja aus seinem eigenen Erfahrungsbereich geschrieben. Irgendwie bin ich da eben als einer der älteren Schauspieler, die für solche Rollen noch übrig geblieben sind, in Frage gekommen.

Viele Ihrer früheren Weggefährten sind tot oder könnten heute keine solche Rollen mehr stemmen, wie es Sie noch scheinbar mühelos tun. Haben Sie gesünder gelebt?

Ich würde sagen, ich habe von Anfang an bewusster gelebt. Ich habe diese ganzen Exzesse, die früher ja am Theater gang und gäbe waren, nie mitgemacht. Drogen, Alkohol – ich habe mich da immer fern gehalten. Nicht als Gesundheitsapostel, sondern einfach weil ich dachte, das ist nicht gut für mich.

Ihre Figur Marcus Schwartz hat als Kind den Holocaust überlebt, danach aber nie wieder davon gesprochen.

Auf so eine Rolle bereitet man sich ganz anders vor als auf eine historische Figur zum Beispiel, für die man sich erst einmal ins Thema einarbeitet. Hier war es von Anfang an mehr eine Beschäftigung mit der Figur selbst. Mit der Tatsache, dass sich da ein Mann sechzig, siebzig Jahre lang bewusst seiner eigenen Identität entzieht. Erst am Ende seines Leben besinnt er sich auf seine Herkunft, auf sein Judentum. Das war für mich daher mehr eine Beschäftigung mit dem Phänomen der Verdrängung.

Sie haben als Kind die Nazi-Zeit miterlebt. Sind Sie auch ein Verdränger?

Ich war zu jung, um mich selbst schuldig zu fühlen. Daher gab es nichts zu verdrängen. Aber der Prozess des Bewusstwerdens der schrecklichen Dinge, die im Nazi-Staat geschehen konnten, war lang und schmerzhaft. Ich empfinde mich bis heute als jemand, der damals benutzt, verführt wurde. Das belastete mich lange. Es blieb das Gefühl der Scham, dazugehört zu haben. Daraus entsteht ja auch das Phänomen der Verdrängung, wie wir in der jüngeren Vergangenheit bei einigen etwas älteren berühmten Zeitgenossen gesehen haben. Je größer die Scham, die Enttäuschung und der Schmerz zuvor, desto leichter der Weg in die Verdrängung.

Sie sind bei Ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Das war sicher nicht immer leicht. Aber kennen Sie auch dieses Sich-Lossagen von der gesamten Familie?

Nein. Zwar war der Begriff Familie für mich eher fremd, weil meine Mutter und ich doch sehr abgeschlossen von familiären Bindungen lebten und nur von Menschen umgeben waren, denen es ähnlich ging. Es gab kaum Ehen und Familien um mich herum. Das hatte zum Beispiel die Auswirkung, das Feste wie Weihnachten für uns keine Rolle spielten. Bis heute habe ich keinen sehr großen Familiensinn entwickelt. Das kann ich auch von meiner Frau sagen: Wir sind beide keine Familienmenschen.

Kennen Sie dann überhaupt diese Suche nach einem Ort, an dem man schließlich zur Ruhe kommen will?

Nein, in diesem Sinne habe ich absolut keine Vorstellungen, keine Pläne oder Träume. Diese Gedanken spielen für mich keine große Rolle.

Es gibt wohl nur wenige Orte, an denen Sie noch nicht gelebt haben...

Nun, ganz so ist es doch nicht. (Lacht.) Aber es stimmt schon, Begriffe wie Heimat kommen in meinem Leben als Herkunft, Abstammung, nicht konkret vor. Ich kann mich überall zuhause fühlen. Mein Hauptwohnsitz ist seit zehn Jahren wieder in München Vorher war es Italien. Und dann gibt es einen Stützpunkt in St. Tropez, da meine Frau von da her stammt und dort ihre Freundinnen hat. Ich mache das aber sehr gerne mit.

Planen Sie noch nach Projekten? Oder aus- schließlich nach dem Lustprinzip?

Ich habe nie einen Lebensplan gehabt. Ich habe vielmehr, ich muss es zugeben, lange in den Tag hinein gelebt und das genommen, was auf mich zukam und was ich interessant fand. Ich war vielleicht verwöhnt, dass es mit meinem Beruf als Schauspieler so schnell geklappt hat. Meine Karriere war keine der großen Sprünge. Aber stetig. Ich hatte das Glück, keinen Ehrgeiz entwickeln zu müssen. Ich bin immer zufällig auf die richtigen Leute gestoßen oder die richtigen Projekte. Ein Streber war ich nie. Auch in der Schule nicht.

Aber eine solche Karriere wie Ihre kann doch nicht nur zufällig passiert sein!

Sie haben Recht. Mein Schauspiellehrer Peter Lühr korrigierte mich: „Sagen Sie nicht Zufall. Zufall ist nichts. Sagen Sie Fügung.“ Und er meinte es nicht religiös. Es habe sich ganz praktisch alles gefügt wie die Kanten eines Möbelstücks. Im Laufe der Jahre fand ich immer mehr, dass alles genau so sein sollte und nicht anders.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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