Blues-Film: Zwischen Hoffnung und Vergebung

München - Eine weiße Frau, die außer einer schweren Kette nicht viel am Leibe trägt, und daneben ein kräftiger schwarzer Mann - so wird "Black Snake Moan" beworben. Doch selten hat ein Kinoposter derart falsche Erwartungen geweckt.

Denn "Black Snake Moan" ist eben kein reißerisches Sex-Drama, sondern ein irritierend hellsichtiger Blick auf das größte menschliche Dilemma: die Unfähigkeit, sich selber so zu sehen, wie man ist, und diese Erkenntnis auszuhalten. Regisseur Craig Brewer, der schon mit seinem extravaganten Debüt "Hustle and Flow" über einen rappenden Zuhälter seine Vorliebe für Abseitiges demonstriert hatte, treibt diese in "Black Snake Moan" noch weiter.

Die schwer verhaltensgestörte Rae, gespielt von Christina Ricci, widmet sich mit bemerkenswerter Energie ihrer Selbstzerstörung, nachdem ihr Freund Ronnie - Popstar Justin Timberlake mit einem Gastauftritt - in die Armee eingezogen wird. Als triebhafte Nymphomanin wirft sich Rae daraufhin genau den falschen Männern an den Hals, um den Trennungsschmerz zu betäuben - und landet schnell blutig geschlagen am Straßenrand.

Dort sammelt sie der missmutige Blues-Musiker mit dem programmatischen Namen Lazarus auf, den Samuel L. Jackson entgegen sonstiger Gewohnheiten berückend zurückhaltend skizziert und damit eine seiner seit langem besten schauspielerischen Leistungen abliefert. Lazarus nimmt Rae auf und entschließt sich, ihr zu helfen - mit einer Rosskur. Er kettet sie an und zwingt sie so, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Sie kann nun nicht mehr weglaufen, sich nicht mit unverbindlichen Sex-abenteuern ablenken und betäuben.

Und tatsächlich beginnt Rae nach anfänglichem Widerstand mit der großen seelischen Selbstreinigung, bei der viel schwermütige Bluesmusik mithilft. Unterdessen ist die Gemeinde des gläubigen Lazarus etwas befremdet über die Situation, um das Mindeste zu sagen. Ein schwarzer Mann, der eine weiße Frau bei sich zu Hause angekettet hat - wie soll man sich das erklären?

Regisseur Brewer gelingt hier das schier unmögliche Kunststück, eine durch und durch unwahrscheinliche Geschichte mit lediglich stereotypen Charakteren glaubwürdig zu erzählen. Der Zuschauer folgt den Figuren durch eine Erweckungsmoritat, die von religiösen Motiven durchsetzt ist und das provozierend lässig mit den mitunter handfesten, erotisch aufgeladenen Texten der Blues-Lieder kontrastiert, die ständig zu hören sind.

Eine wunderbar sperrige Konfrontation von Dingen, die eigentlich nicht zusammen passen und doch zueinander finden. Das ist ohnehin das Leitmotiv dieses Films, exemplarisch verkörpert in der zwiespältigen Figur des Lazarus, der zwar mit seinen eigenen Dämonen ringen muss und sich dennoch das Recht herausnimmt, Rae auf den rechten Weg zurückzuführen.

Lazarus, der von seiner Frau verlassen wurde, glaubt an Vergebung, will sie aber nicht gewähren. Bei der jungen Rae liegt der Fall dagegen eher umgekehrt: Sie kann und will sich ihr eigenes Verhalten nicht verzeihen, obwohl sie selbst eigentlich ein Opfer ist.

Craig Brewer favorisiert keine der beiden im Film vorgestellten Positionen - und das ist gerade die Stärke seiner Produktion. Denn "Black Snake Moan" predigt nicht, er beschwört vielmehr die Hoffnung. Die Hoffnung, dass an jedem Tag ein neues Leben und eine Wiederauferstehung möglich ist - man muss dafür nicht einmal sterben.

In München: Atlantis, Neues Rottmann, Cinema OV.

"Black Snake Moan"

mit Christina Ricci, Samuel L. Jackson, Justin Timberlake

Regie: Craig Brewer

Sehenswert ****

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