Blüten aus dem Fernen Osten

- Die Reihe World Cinema ist auch im letzten Filmfestjahr unter Eberhard Hauff ein Strauss aus Filmen, die bei den großen Festivals des letzten Jahres aufmerken ließen, und aus frischen Entdeckungen. Kaum überraschend stammen auch in diesem Jahr wieder einige der schönsten Blüten aus Ostasien: "Catharsis" von Katsumi Sakaguchi erzählt von der Annährung zweier Familien. Der Sohn der einen tötete die Tochter der anderen. Nach Jahren treffen sie wieder zusammen. Doch nicht Rache steht im Zentrum. Es geht um die Familie als Fixpunkt des Daseins und um die Frage, ob Schuld irgendwann ein Ende hat. Großartig-zwingendes Kino in eindringlich-meditativen Bilder.

<P>Für eine traditionellere japanische Filmsprache steht Kei Kumais Kostümfilm "Das Meer kommt". Der Film spielt im 19. Jahrhundert in der alten Kaiserstadt Edo. Eine Gruppe von Menschen findet in einem Bordell Unterschlupf vor einer drohenden Sturmkatastrophe. </P><P>Die Eingeschlossenen verbinden geheime Gefühle, verborgene Untaten und andere dunkle Seiten, die durch die Naturgewalt zum Ausbruch gebracht werden. "Chihwaseon" ist das neue Werk des koreanischen Altmeisters Im Kwo-taek (geb. 1936), der mittlerweile 95 Filme gedreht hat. Das Porträt eines Künstlers aus dem 19. <BR><BR>Jahrhundert. Die Inderin Aparna Sen, der vor zwei Jahren eine Retrospektive gewidmet war, wendet sich mit "Mr. & Mrs. Iyer" der aktuellen Politik zu: Hindu-Fundamentalisten bedrohen die Insassen eines Busses.<BR><BR>Die 13 asiatischen Filme verknüpfen meist geschickt politische Kritik mit Innovation. Sie hätten es nicht nur durch ihre schiere Menge (über zehn Prozent des Gesamtprogramms) verdient, mit einer eigenen Reihe hervorgehoben zu werden. Warum man hier unterließ, was man den weniger zahlreich vertretenen Franzosen und Latinos gönnt, wissen die (Filmfest-)Götter.<BR><BR>Das übrige Weltkino bot ein ebenso weites wie disparates Bild. Hervorzuheben ist Ettore Scolas Rückkehr nach Jahren der Leinwandabsenz: Der eindringliche "Concorrenza sleale" spielt in Rom 1939. Ein Katholik und ein Jude sind Konkurrenten. Aber als die Judenverfolgung zunimmt, kann der Wettbewerb nicht mehr fair sein. </P><P>Sehenswert auch Robert DeNiro als Cop in Michael Caton-Jones faszinierendem "City by the Sea", einem Eindringlings-Thriller anderer Art: Ein Polizist muss erkennen, dass sein eigener Sohn ein Mörder sein könnte - die Gewalt dringt ein ins Heim. Insgesamt also eine Menge Schätze. In der Auswahl haben allerdings gediegen-altmeisterliche Filme ein klares Übergewicht, modernere Filmemacher, neue Stilrichtungen, Experimentelles und Kinoavantgarde sind leider kaum vertreten. </P><P>Kein Wunder: Das Durchschnittsalter der 33 Regisseure liegt bei 53 Jahren, nur zwei sind jünger als 38, weswegen man hier die für die Zukunft nach Eberhard Hauff gewiss bevorstehende Verjüngung der Auswahl kaum abwarten kann.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Los Angeles - Nach einem Tierquälerei-Skandal sind die Premiere und Pressetermine zu dem Hundefilm „Bailey - Ein Freund fürs Leben“ kurzfristig abgesagt worden.
Vorwurf von Tierquälerei - Film-Premiere abgesagt
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
München - Olivier Assayas „Personal Shopper“ lebt von dem Talent seiner Hauptdarstellerin und driftet nicht in eine Grusel-Persiflage ab.
Filmkritik zu „Personal Shopper“: In der totalen Einsamkeit
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
München - David Frankels Drama „ Verborgene Schönheit“ setzt zu sehr auf Symbolik und ein allzu schöngefärbtes Happy End.
Filmkritik zu „Verborgene Schönheit“: Zu viel Pathos
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“
München - „Manchester by the Sea“ trumpft vor allem im zwischenmenschlichen Bereich auf. Es geht um Verantwortung und Familie.
Der schweigsame Onkel: Filmkritik zu „Manchester by the Sea“

Kommentare