Blut, Sex und Emotionen

- Die Odyssee einer Frau, durch Länder und Kulturen, durch Variationen der Liebe und des Sex, voller Schmerz und Wucht. Mit dem Goldenen Bären für Fatih Akins Film "Gegen die Wand" gewinnt zum ersten Mal seit 1986, seit Reinhard Hauffs "Stammheim", ein deutscher Film bei der Berlinale und überhaupt bei einem der großen drei internationalen Festivals den Hauptpreis.

Ein Glücksfall für den Regisseur, sein Ensemble und den frisch gegründeten Berliner Klein-Verleih "Timebandits", der gleich mit seinem ersten Auftritt schaffte, was erfahrenen Profis lange nicht gelang: mit einem Film die Herzen an sich zu reißen und einen Sog herzustellen, der auf solchen Festivals seine eigene Dynamik entwickelt - bis man an "Gegen die Wand" plötzlich nicht mehr vorbei kam. Man muss den Film nicht überschätzen, um diesen Preis Akin von Herzen zu gönnen: Denn "Gegen die Wand" hat vieles, was deutsche Filme dringend brauchen und leider so selten haben: Blut, Sex, Wildheit, echte Emotion und das Vermögen, Anspruch und Mainstream unter einen Hut zu bringen.<BR><BR>Auch sonst ist an den Entscheidungen der Jury wenig auszusetzen. Durchweg wurden "kleine", engagierte Filme prämiert, aber vor allem Werke, die wirkliches Kino sind: keine bebilderten Manifeste, kein aufgeblasenes TV, sondern Sprache in Bildern. Das gilt besonders für Kim Ki-Duks Regiepreis, mit dem der koreanische Autorenfilmer nach einem halben Dutzend Festivalauftritten endlich die Anerkennung erhält, die ihm schon längst gebührte. Hier kommt es auf jede Nuance an, werden Zumutung und Tabubruch zur künstlerischen Tugend. Höchstens dass man Ken Loach übersah, enttäuschte. Sein bewundernswert elegant erzählter "Ae Fond Kiss" war ein später Höhepunkt. Diese Juryentscheidungen sind zugleich ein deutliches Votum gegen den überwiegenden Teil der Wettbewerbsauswahl.<BR><BR>Sie bestand entweder aus immergleichen Variationen von "Paar-in-der-Krise"-Stories oder aus leicht angestaubten Thesenfilmen. Auch Theos Angelopoulos enttäuschte mit seinem bleiernen Mythenreigen "Die Erde weint". Der Rest: nette Gutmenschenstücke, die filmisch nie Neuland betraten. Da war Patty Jenkins "Monster" schon die Ausnahme, gelang es hier doch, im Zuschauer einmal Verständnis für einen überaus unsympathischen Charakter zu wecken.<BR><BR>Ansonsten musste sich Festivalchef Dieter Kosslick diesmal zu Recht viel Kritik gefallen lassen: Der Wettbewerb war der schwächste seit zehn Jahren; mit nur zwei Filmen war das asiatische Kino deutlich unterrepräsentiert. Und zu vieles wurde offenbar nur des Namedroppings wegen geladen: Stars sollten den roten Teppich schmücken. Wenn diese dann aber kurzfristig absagen, fällt das auf einen Festivalleiter zurück, der die Bedeutung der Stars immer betont, weil er wohl der künstlerischen Qualität der Leinwandwerke allein nicht vertraut. Hinzu kam, dass die Konkurrenz aus Cannes ihm diesmal mindestens drei Werke abgejagt hatte.<BR><BR>Ein anderes erklärtes Ziel hat Kosslick besser erreicht: Hilfe für den deutschen Film. Akins Sieg krönt einen starken Auftritt. Der schönste deutsche Film des Festivals lief im Panorama - "The Stratosphere Girl" von M. X. Oberg: eine deutsche Variante von "Lost in Translation", in der die Filmemacher viel weniger Geld hatten, und die Hauptfigur gar keins - darum wohnt sie nicht in einem Luxushotel, sondern in einer europäischen Mädchen-WG. Die engelsgleiche, naseweis-unschuldige Hauptfigur ist Comic-Zeichnerin. Immer wieder zeigt der Film, wie ihre Wahrnehmung sich in Zeichnungen verwandelt, wie Körper zur grafischen Fläche, zu Kunst werden. Kunstvoll und einfallsreich gelingt Oberg mit "The Stratosphere Girl" vieles auf einmal: Japan-Essay und Nachtstück, Detektivgeschichte und eine Traumnovelle - ein Film, in den man sich verlieben kann.<BR><BR>Letzte Highlights liefen im Forum. Etwa "Darkness Bride" von William Kwok: ein bezaubernd fremdes Märchen aus dem China von heute. Aufmerksamkeit verdienten dort auch gleich fünf sehr unterschiedliche Filme aus Indien. Am spannendsten darunter war "Maqbul": Shakespeares "Macbeth" ins indische Gangstermilieu versetzt. Solche Filme sieht man nur auf großen Festivals, da kann man schwache Wettbewerbe schnell vergessen.<BR><BR><BR> 

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