Blut im Garten Eden

- Ein US-Idyll, wie man es zwar kaum aus der Wirklichkeit, aber aus unzähligen Hollywood-Filmen kennt: gottesfürchtige Leute, intakte Verhältnisse. Das Aufregendste im Leben sind die örtlichen Baseballmeisterschaften. Hier lebt Tom Stall glücklich seit 20 Jahren mit seiner Frau Edie und zwei Kindern auf einer kleinen Farm. Tom betreibt ein Restaurant; tagaus, tagein steht er hier hinter dem Tresen, und ist beliebter Mittelpunkt des Kleinstadtlebens.

Der Alltag der Musterfamilie wird von David Cronenberg zu Beginn seines Films nur darum so detailliert ausgemalt, um ihn hernach umso sarkastischer auseinandernehmen zu können. Denn dass es so nicht bleiben kann, ist von Beginn an klar. Selbst wenn man noch nie einen Film des Kanadiers gesehen haben sollte, ist die Distanz des Regisseurs zu spüren, die analytische Kühle, mit der er die Anforderungen des Thrillergenres erfüllt, leicht spöttisch überlegen gegenüber der Naivität seiner Figuren. Wie in einem Horrormovie oder einem Film Noir lastet zudem, was kommen wird, die ganze Zeit auf den Figuren. Eines Abends wird das Restaurant überfallen, über den Raub hinaus droht Gefahr für Leib und Leben. Doch Tom, der vermeintliche Durchschnittsbürger, legt ungeahnte Fähigkeiten an den Tag. Schnell und effektiv setzt er sich zur Wehr. Am Ende liegen die Angreifer am Boden, zwar in Notwehr, aber doch mit überaus brutaler Entschlossenheit zur Strecke gebracht, die etwas instinktiv Gewalttätiges sichtbar macht, das so gar nicht zum braven Familienvater passen will. Im folgenden Medienrummel wird Tom ein paar Tage zum Helden eines Amerika, das in Gewalt auch immer Befreiung sieht, einen Ausweg aus der Komplexität des Daseins, die Reduktion auf ein einfaches "Gut gegen Böse". Das Kino, zumal Amerikas, feiert immer wieder solche alttestamentarische Lebensphilosophie und Pioniersideologie, vom klassischen Western bis zu den "Selbstjustiz-Filmen". Dies ist auch das eigentliche Thema von "A History of Violence". Denn einige Zeit nach dem Überfall, erhält Tom wieder unangenehmen Besuch. Bald ist klar, dass Tom einst Joey hieß und ein hohes Tier bei der Mafia war. Nun holt ihn diese alte Identität ein, und die Gewalt der Vergangenheit gebiert neue Gewalt.Cronenberg treibt ein komplexes Spiel mit Mythen und Selbstbildern Amerikas. Wie im klassischen Kino der Angst verwandelt sich das idyllische Garten-Eden-Amerika bei genauerem Hinschauen in eine Schlangengrube. Das scheinbar Normale ist auf Leichen gebaut, hinter jedem guten Gewissen lauert nur die Verdrängung, und Gewalt ist unbedingt universal. Inszeniert wird dies als schwarze Komödie. Dem Cronenberg-typischen Spiel mit der Wahrnehmung der Zuschauer wird eine neue Facette hinzugefügt: Der Film verführt den Zuschauer durch seine virtuose Inszenierung zu einer Haltung, die Toms Taten auch dort ästhetisch billigt, wo es moralisch fragwürdig wird. Voller Ironie und Doppelbödigkeit gelingt Cronenberg so nicht allein eine zeitlose Anthropologie der Gewalt mit den Mitteln des Kinos, sondern eine kühle, kluge, virtuose Dekonstruktion des Mainstream-Action-Films. Sie kann sich nur wirklich erlauben, wer zugleich zeigt, dass er deren Mittel beherrscht.(In München: Mathäser, Leopold, Cinema i.O.) "A History of Violence"mit Viggo Mortensen, Mario BelloRegie: David CronenbergHervorragend 

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